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Geschichte Teil 1


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Geschichte Teil 1

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Der Beginn

Eine Geschichte von Skeeve und Wespe Stand: 17.06.2007

1

Der schlanke, große Mann stand auf und nickte dem sitzenden Mann zu, der ein paar Münzen auf den Tisch abzählte. "Danke, daß du den kleinen Auftrag für mich erledigst." "Nun, so klein ist er nicht, muß ich doch wieder in eine Stadt." "Sieh dich um, was gibt es an Städten aus zu setzen?" "Ja, genau.", der junge Mann sah spöttisch den betrunkenen Mann an, der zwei Tische weiter fast vom Stuhl fiel. "Seno!" Der Jüngere wand sich noch einmal zum Tisch. "Gib auf dich acht." "Leb ich in einer Stadt, oder du, Alter Freund?" Mit einem fröhlichen Kichern ging er schnell raus, ehe der Ältere etwas erwidern konnte. Auf der Strasse wich Seno den Leuten aus. Wie zur Abwehr, zog er die Kapuze über den Kopf und stecke seine Hände unter den Mantel. Hastend nahm er den kürzesten Weg aus der Stadt, immer darauf bedacht nicht in einen der vielen Abwasserrinnsälen zu treten. Er würdigte dem großen Stadttor kaum ein Blick als er es durchschritt. Schnell passierte er auch noch die armseligen Hütten, die vor den Stadtmauern waren, bevor er die Hände unter dem Mantel hervor nahm und die Kapuze abstreifte. Vor sich offenes Feld, in der Ferne der Wald, wurden seine Schritte langsamer, seine Muskeln entspannten sich.

2

Emelia war aufgeregt. Sie durfte endlich wieder den Orden verlassen und in die Welt hinausziehen. Diesmal sogar ganz allein auf sich gestellt. Gut, so ganz in die Welt hinausziehen durfte sie auch nicht, sie hatte immerhin einen Auftrag zu erledigen, aber trotzdem würde sie einiges mehr sehen als die Wände des Ordens in Ergotar. Sie wußte, daß die Welt außerhalb des Ordens um einiges gefährlicher war, doch sie fühlte sich gut darauf vorbereitet. Sie hatte Bücher darüber gelesen und mit dem Schwert trainiert. Zudem trug sie einen grauen Mantel, um nicht gleich als Magierin erkannt zu werden, was in manchen Situationen besser sein mochte. Die Strassen von Ergotar waren ihr schon vertraut, war sie doch hier mit ihrem Mentor schon häufiger gewesen. Einige Male hatte sie für ihre Mutter auch hier Besorgungen erledigt. Den richtigen Weg aus der Stadt zu finden war also auch nicht weiter schwer gewesen. In den Wäldern um Ergotar sah es hingegen schon anders aus. Ohne Karten und Wegweiser wäre sie hier aufgeschmissen gewesen. Zum Glück hatte sie die notwendigen Karten für ihren Weg in der Bibliothek abgezeichnet. Sie hatte auch gut daran getan, den grauen Mantel mitzunehmen. Er diente ihr nun nicht nur zur Tarnung, sondern wärmte ungemein. Es war doch kälter im Wald als sie gedacht hatte.

3

Grinsend sah Seno die Hirschkuh an, ehe er mit verträumtem Geschichtsausdruck sich abwendete und weiter dem Weg folgte. Hier im Wald fühlte er sich wieder lebendig. Städte waren nichts für ihn. Ihr Gestank, die allgegenwärtige Geräuschkulisse und die Enge waren ihm zu viel. Sein Vater sagte immer, daß er einen seltsamen Geschmack hatte, doch was wußte der schon. War der je aus dem Viertel mit dem Friedhof gekommen, auf dem er bis zu seinem Tode gearbeitet hatte? Noch heute konnte Seno die verfaulte Luft riechen, die in seinem Geburtshaus ständig war. Kaum war sein Vater gestorben, seine Mutter lebte da schon lange nicht mehr, machte er sich auf um die Welt zu bereisen. Das ist nun fast 10 Jahre her und noch immer macht er um Städte am Liebsten einen weiten Bogen. Fröhlich ein Lied pfeifend wanderte Seno den Reichsweg entlang. Je weiter er von der Stadt Ergotar weg kam, umso leerer wurde es. Schon bald kam ihm kaum noch ein Reisender entgegen. Seno war dies nur recht, mal eine Weile alleine sein, war sicherlich nicht verkehrt. Einige Zeit später, mittlerweile dämmerte es schon, sah sich Seno nach einem geeigneten Rastplatz um. Es dauerte nicht lange und er fand eine ebene Wiese gleich neben einer Quelle. Routiniert sammelte er Feuerholz, bereitete ein kleines Lagerfeuer vor und bereitete sich sein Nachtlager vor. Alle Vorbereitungen erledigt nahm er sich seinen Bogen und pirschte in den Wald. Da sollte doch noch was fürs Abendessen zu finden sein.

4

Ein Blick auf ihre Karte verriet Emelia, dass sie wahrscheinlich noch in der richtigen Richtung unterwegs war. Sie hätte den Hauptweg wohl besser doch nicht verlassen, aber laut Karte sah dieser kleinere Weg nach einer Abkürzung aus, und sie wollte diesen schattigen, kalten Wald möglichst schnell verlassen. Mittags war es im Wald ja schon frisch gewesen, doch nun wurde es immer kälter. Wenn sie nur genauer feststellen könnte, wo sie sich hier befand. Sie zog den Mantel enger um ihre Schultern. Auf diesem kleinen Weg begegneten ihr kaum noch andere Reisende. Vielleicht hätte ihr das zu Denken geben sollen, doch nun war sie bereits zu lange auf diesem Weg gereist, um noch umkehren zu wollen. So ging sie weiter. Ein rascheln im Unterholz ließ sie aufschrecken. Sie erhob ihre Hände, nur um sie wieder runter zu nehmen. Sie griff hier doch lieber zum Schwert. Welch fatale Folgen zu heftige Feuerstöße in hölzerner Umgebung haben können, hatte sie bereits gelernt. Auf diese Weise hatte sie bereits einmal ihre komplette Einrichtung verloren. Damals, als Jargon sie in ihrem Zimmer im Orden erschreckt hatte, und sie herumfahrend fahrlässigerweise einen kleinen Feuerball nach ihm geschleudert hatte. Jargon hatte das erwartet, wenn nicht sogar beabsichtigt, wie sie vermutete, und war natürlich ausgewichen, so dass ihr Feuerball ihren Schrank traf. Sie konnte sich noch gut an sein gehässiges Grinsen erinnern, als ihr Zimmer langsam in Flammen aufging. Nur in ihre Schutzzauber gehüllt hatten sie beide damals das Zimmer weitestgehend unbeschadet verlassen können. Darum waren dies auch die ersten Zauber gewesen, die jungen Pyromanten beigebracht wurden. Die Schule des Ordens stand wohl auch nur schon so lange, weil sie von jeher aus dicken Steinmauern bestand. Diese Lektion hatte wohl jeder angehende Feuermagier lernen müssen. Das Rascheln kam näher und holte sie in die Gegenwart zurück. Rasch zückte sie ihr Schwert. Ihr Herz pochte schneller. Welches Ungeheuer hier vor ihr wohl aus dem Wald brechen würde. Sie hatte schon viel über die verschiedensten Wesen und Untiere im Imperium gelesen, aber niemals für möglich gehalten, so nahe bei der Stadt eines zu treffen. Hoffentlich würden ihre Schwertkünste ausreichen. Ansonsten hatte sie nur die Wahl, sich mit Hilfe ihrer Magie zu verteidigen, und das war im Wald so nahe bei einer Stadt nun wirklich nicht angebracht und zudem äußerst riskant. Schließlich wollte sie nicht für einen Waldbrand verantwortlich sein. Hier auf diesem kleinen Nebenweg war das Risiko unbedarfter Zeugen zwar gering, jedoch würden die Magiespuren sie verraten können. Außerdem wusste sie, dass sie ihre Flammenstöße noch nicht zuverlässig unter Kontrolle hatte. Die Intensität des jeweiligen Zaubers zu dosieren war ihr schon immer etwas schwerer gefallen. Dieses Risiko wollte sie wirklich nicht eingehen. Das Rascheln war nun so Nahe am Wegesrand, dass sie einen großen Schattenhaften Umriss sehen konnte. Sie fasste ihren Schwertgriff fester und ging in Verteidigungsstellung. Ein Schnauben war zu hören. Sie dachte kurz daran, zu fliehen, verwarf es jedoch gleich wieder. Sie hätte sowieso nicht gewusst, wohin. Zudem hatte aus ihren Lektüren in der Bibliothek gelernt, dass fast jedes Untier hier draußen schneller sein musste, als sie es war. Es wäre also zwecklos gewesen. Da war es also, ihr erstes Monster. Sie hoffte, dass es nicht ihr letztes sein würde. Doch zu ihrer Überraschung griff es nicht an, sondern starrte sie aus großen, anscheinend ebenso erschrockenen Augen an. Einige Augenblicke standen die beiden einander auf dem Weg gegenüber, bevor die Hirschkuh ihren Weg durchs Unterholz fortsetzte. Erleichtert kategorisierte Emelia das Untier als harmlosen Pflanzenfresser. Langsam beruhigte sich ihr Puls wieder. Ohne den beruhigenden Schutz ihres Mentors an ihrer Seite zu wissen, waren die Abenteuer hier draußen noch viel aufregender. Sie musste ihre Nerven besser im Zaum halten. Wenn sie bei jeder Kleinigkeit gleich ihr Schwert zückte, würde sie ähnlich unangenehm auffallen, wie wenn sie mit Feuerbällen um sich werfen würde. Das würde ihren Auftrag nur erschweren. Sie steckte das Schwert wieder ein. Mit einer Hand tastete sie in ihrer Tasche umher. Das Dokument war noch an Ort und Stelle. Gut. Um nicht noch mehr Zeit zu vertrödeln ging sie zügig weiter. Es dämmerte langsam und der Wald nahm immer noch kein Ende. Sie würde wohl oder übel doch im Wald übernachten müssen. Im Stillen verfluchte sie ihren Mentor dafür, dass er vorgeschlagen hatte, dass sie ihren Weg doch zu Fuß begehen sollte. So würde sie mehr von der Welt sehen und lernen können. Ihre Mutter hatte dem natürlich sofort zugestimmt. Mit einem Karren oder einem Pferd wäre sie bestimmt bereits bei einem Gasthaus angekommen, in dem sie übernächtigen könnte. Sie säße jetzt an einem warmen Kaminfeuer anstatt hier zu Fuß durch einen immer dunkler werdenden Wald zu stapfen. Sie bedauerte es gerade keinen zweiten Mantel eingepackt zu haben. Zumindest hatte sie für die Nacht noch eine warme Decke eingepackt. Emelia nahm noch einmal die Karte zur Hand. Wenn sie nur wüsste, welche Strecke sie auf dem kleinen Weg bereits zurückgelegt hatte. Und irgendwelche geeigneten Lagerplätze waren natürlich auch nicht eingezeichnet. Immerhin waren Städte, Dörfer und Gasthäuser auf ihrer Karte verzeichnet, nicht dass ihr die jetzt viel geholfen hätten, da sie viel zu weit weg waren von, wo immer sie sich gerade in diesem verdammten Wald befand. Suchend schaute sie sich um. Einen guten Lagerplatz am Weg zu finden, hielt sie für relativ unwahrscheinlich. Aber den Weg verlassen, um einen besseren Lagerplatz für die Nacht zu finden, wollte sie auch nicht. Dann müsste sie ja morgen früh erstmal den Weg wieder suchen. Und ob ihr das gelingen würde… Das würde sie im besten Falle aufhalten und somit wertvolle Zeit kosten, die sie morgen besser damit verbringen wollte, aus dem Wald heraus zu kommen und ein Gasthaus zu erreichen. So ging sie auf der Suche nach einem halbwegs angenehmen Schlafplatz weiter den Weg entlang.

5

Der Meloghe spitze die Ohren. Sein kleiner Kopf drehte sich hektisch um das Geräusch zu lokalisieren. Es dauerte eine Weile, bis er sich wieder beruhigte und seinen Kopf wieder neigte um sich am saftigen Gras zu laben. Ein pfeifendes Geräusch, nur wenige später, ließ den Meloghe erneut aufhorchen. Zu spät, ein langer Pfeil brachte ihm den schnellen Tod. Seno legte sich den Bogen zufrieden über den Rücken und ging zu dem Meloghe hin. Ihm lief der Speichel schon im Mund zusammen, wie er das niedliche Tier hob und glücklich den noch heilen Pfeil vorsichtig aus dem kleinen Laib zog. Mit seiner Beute in der Hand machte sich der Jäger auf zu seinem Nachtlager. Sein Weg führte ihn eine Weile durch den Wald um dann direkt auf das Lager zu treffen. Auf halben Weg hörte er ein Geräusch, welches nicht in den Wald paßte. Stehen geblieben konnte er es besser hören, da waren Schritte. Sie mußten von dem Weg kommen, der fast parallel zu seiner Route führte. Neugierig änderte er die Richtung um den Fremden, denn es waren eindeutig die Geräusche einer einzelnen Person, zu treffen. Augenblicke später verstummten die Schritte auf dem Reichsweg, die Person mußte den Jäger mittlerweile selber vernommen haben. Als Seno das Unterholz passierte und somit vom Weg aus zu sehen waren, ertönte auch sogleich eine Stimme: "Bammla zum Gruße." Seno sah sich in die Richtung um, aus dem der freundliche Gruß einer Reisenden erschall. "Bammla zum Gruße auch Euch. Möge der Gott der Reise dir wohlgesonnen sein." "Mein Name ist Emelia Falkenheim. Mit wem hab ich das Vergnügen?", Sprach die Unbekannte freundlich. "Getauft auf den Namen Senos Baumheiler, kannst du mich doch Seno nennen, so wie es ein jeder tut." Seno stand nun auf dem Weg und betrachtete seine Gegenüber. Eine unscheinbare Person in einem schlichten grauen Mantel. Ihr Alter war schwer zu schätzen, da sie die Kapuze über den Kopf gezogen hatte, doch ihre Stimme ließ auf eine junge Frau schließen. "Reist Ihr alleine?" "Ja, so wie du auch", Seno lachte verschmitzt. "Ich habe unweit von hier mir ein kleines Lager bereitet. Wollen wir zum Schutz heute Nacht zusammen bleiben. Ich kann auch mit einem Abendmahl dienen." Dabei hielt er den Meloghe etwas in die Höhe und ging, ohne eine Antwort ab zu warten, an der Frau vorbei. "Warum nicht? Es ist sicherer sein Lager zu teilen als alleine und schutzlos zu sein." Emelia streifte mit diesen Worten ihre Kapuze ab und ging neben dem Jäger daher. Seno fühlte sich bestätigt, daß nun freiliegende Gesicht zeigte eindeutig, daß er Recht hatte. Emelia mußte so etwa Anfang 20 sein. "Der Platz liegt etwas abseits des Weges. Ist aber nicht weit. Dort am Baum müssen wir rein." Seno ging vor und führte seine neue Begleiterin etwa zwanzig Schritt in den Wald rein, wo sie auf den ausgesuchten Lagerplatz trafen. "Ein schöner Platz.", lobte Emelia. "Ja. Jetzt nur noch den Kleinen braten." Seno machte sich dran den Stapel Holz zu entzünden. "Ich enthäute den Meloghe derweil.", erklärte die Frau, schmunzelnd zusehend, wie der Jäger mühsam versuchte das leicht klamme Holz zu entzünden. "Ne, laß ruhig. Das mach ich gleich schon." Aber Emelia hatte sich schon das abgelegte Tier geschnappt und fing mit der Arbeit an. "Ich reise morgen nach Ametar weiter. Soweit dein Weg der Gleiche ist, kannst du dich gerne mir anschließen." Man sah Emelia an, daß sie der offenen, direkten Art des Jägers etwas verwundert gegenüber stand. "Nun, dies werden wir morgen früh sehen. Was treibt Eu.. Dich in die Richtung?" "Ein kleiner Botenauftrag. Nichts besonderes, aber so verdien ich mir ein wenig Geld nebenbei. Ich brauch nicht viel zum Leben und das wenige, was ich mir kaufen muß bezahl ich mit kleinen Botengänge für Verliebte, Verwandte und so." Da entflammte das Lagerfeuer, was Emelia begeistert kichern ließ. "Was läst dich kichern?" Emelia zögerte kurz. "Nun, ich dachte Jäger wären erfahrener und würden trockenes Holz nehmen. "Vertraut mir, ich bin erfahren.", lachte nun Seno. "Ich wußte nur nicht, ob ich vor der Dunkelheit vom Jagen zurück kommen werde. Darum hab ich schon mal etwas trockenes Holz aufgestapelt. Das es derweil etwas feucht wurde, war nicht zu vermeiden." "Hier ist der Braten." Die junge Frau reichte dem Jäger den enthäuteten Meloghe welcher ihn auf einen Ast aufspießte und übers Feuer hielt. Während sie auf ihren Braten warteten erzählte Seno ein wenig belangloses aus seiner Vergangenheit.
Später beim Essen erzählte auch Emelia aus ihrer Vergangenheit, dem Leben in Ergotar. Seno kam nicht umhin zu bemerken, daß sie ihren Beruf verschwieg. Aber das war in Ordnung. Nicht jeder war oberflächlich so offen wie er. "Wir sollten uns nun hinlegen. Meine Reise soll früh beginnen.", sprach Seno sich bereits mit seinem Mantel zudeckend. "Sollte nicht einer Wache halten?" "Das ist hier nicht nötig.", erwiderte der Jäger, sich noch einmal aufrichtend. "Hier ist eine sehr ruhige Gegend. Wird sicherlich nichts heute Nacht passieren. Und wenn doch, sind wir 2 aufmerksame Menschen. Ich, der Waldmensch, gewohnt immer wachsam zu sein. Du, das Stadtkind, das eh bei jedem Geräusch des Waldes erwacht. Leg dich also ruhig nieder und schlafe ein wenig. Das wir zu zweit sind, ist Sicherheit genug.. zumindest in dieser Gegend." Emelia schaute Seno eine Weile stumm an. Ein leichtes grinsen zeigte ihm, schließlich, daß sie ihm wider der zurechtweisenden Worte nicht böse war und ihm vertraute. Das ließ ihn hoffen, ihre Gesellschaft auch morgen noch zu genießen. Zumindest bis zur nächsten Weggabelung. Die Frau legte sich in ihrem Mantel dicht ans Feuer, nicht bevor sie es noch etwas geschürt hatte. Dabei öffnete sich ihr Mantel etwas und Seno erhaschte ein Blick auf eine hellbunte Kleidung. Diese war nicht klar auszumachen, doch definitiv viel zu bunt für ein einfaches Mädchen. Aber eine Hochgeborene war sie auch nicht. Über dies Rätsel nachdenken, viel er schon bald in einen tiefen Schlaf.

6

Langsam gewöhnte sie sich an die Geräusche im Wald. Emelia unterschied mittlerweile zwischen den allgemeinen Waldgeräuschen und sich nähernden Geräuschen. Die Suche nach einem guten Lagerplatz hatte sie schon aufgegeben. Sie würde sowieso keinen halbwegs sicheren Platz zum Nächtigen finden. Also hatte sie beschlossen, solange weiterzugehen, bis sie müde wurde und dann am Wegesrand zu übernachten, wenn sie hier im Wald überhaupt ein Auge zumachen könnte. Sie hatte von so vielen gefährlichen Tieren und Monstern gelesen, dass die Wälder des Imperiums damit überfüllt sein müssten. Sie versuchte sich selbst zu beruhigen, da ihr bisher von den vielen Untieren, die es laut den Büchern gab, bisher noch keines begegnet ist. Eine kleine Stimme in ihrem Hinterkopf erinnerte sie daran, dass damit die Wahrscheinlichkeit für ein solches Treffen stieg. Prompt hörte sie ein Geräusch, welches in die Kategorie ‚nähert-sich-mir' fiel. Sie blieb stehen. Ihre Hand legte sich auf den Schwertknauf. Ihre Anspannung wich Erleichterung, als sie einen großen schlanken Menschen aus dem Wald kommen sah. Noch ehe sie darüber nachdenken konnte, ob dies jetzt vielleicht einer der vielen Räuber sein konnte, von denen in den Büchern berichtet wurde, entkam ihr ein "Bammla zum Gruße". Es war sicherlich besser, einen Fremden freundlich zu begrüßen. Dem Aussehen nach schien er sich auch eher auf die Jagd, als auf das Überfallen von Reisenden zu verstehen. Seine Kleidung war vorwiegend in Grün- und Brauntönen gehalten. Auch der Köcher voller Pfeile und sein Bogen wiesen eher auf einen Jäger als auf einen Banditen hin. Der Meloghe in seiner Hand verriet, dass seine Jagd wohl erfolgreich gewesen ist. Er erwiderte ihren Gruß, was sie in ihrer Annahme bestätigte. Ihre Haltung entspannte sich merklich. Mit ihrem vollen Namen stellte sie sich vor, nur um sich gleich darauf selbst zu schalten. Wenn er sich längere Zeit in Ergotar aufgehalten hatte, konnte er ihren Familiennamen mit dem Orden der Feuermagier in Verbindung bringen. Er stellte sich ihr ebenfalls vor und meinte, dass sie ihn Seno nennen dürfte. Seiner Reaktion nach schien er mit ihrem Namen nichts zu verbinden. Gut. Sie atmete erleichtert auf. Sie hatte auf diesem Weg noch viel zu lernen und dies war eine weitere Lektion gewesen. Immer noch vorsichtig fragte sie sicherheitshalber: "Reist Ihr alleine?", was er lächelnd bestätigte, während er feststellte, dass sie ebenso allein reiste. Weiterhin bot Seno ihr an, mit zu seinem Lagerplatz zu kommen und dort zum gegenseitigen Schutze gemeinsam zu nächtigen und den Meloghe zu verspeisen. Kaum dass Emelia dem, sich mit einer Hand durchs Haar fahrend und dabei die Kapuze abstreifend, zugestimmt hatte, verschwand Seno auf der anderen Seite des Weges im Wald. Sie beeilte sich, ihm zu folgen. Der Platz sei abseits des Weges, aber nicht weit, hatte Seno gemeint, gefolgt von der Bemerkung "Dort am Baum müssen wir rein". Welcher von den vielen Bäumen im Wald? Ein Baum sah aus wie jeder andere. Glücklicherweise war der Platz recht nahe am Weg. Sie lobte den Platz und bot an, den Meloghe zu häuten. Keine Antwort abwartend begann sie sogleich damit, während sie Seno beobachtete, wie er sich abmühte, leicht feucht gewordenes Holz zu entzünden. Einen Augenblick lang überlegte sie, ob sie Seno mit einer kleinen Handbewegung dabei unterstützen sollte, entschied sich aber dagegen. Das bisschen, was es so länger dauerte, konnte sie noch auf das wärmende Feuer warten. Unvermittelt warf der Jäger ein, dass er nach Ametar reist und bot an, falls dies auch ihr Weg ist, sie zu begleiten. Ihre Augenbrauen zuckten nach oben. Woher kannte er ihr Ziel? Sie verschob die Entscheidung auf den Morgen und erkundigte sich nach dem Grund seiner Reise. Seine Antwort beruhigte sie etwas. Auch er war auf einem Botengang. Seine Erklärung klang einleuchtend. Er schien ein angenehmer und ehrlicher Zeitgenosse zu sein. Emelia spürte, dass das Lagerfeuer jetzt bald soweit war. Als es aufflammte kicherte sie leise. Endlich sah sie wieder ein Feuer und dazu noch eines, das sie nicht selbst entzündet hatte. Seine Frage nach dem Grund für ihr Kichern ließ ihre Gedanken zurückkehren. Sie überlegte schnell, bevor sie antwortete: "Nun, ich dachte Jäger wären erfahrener und würden trockenes Holz nehmen." Mit einem verschmitzten Lächeln in den Augen wartete sie ab, wie er auf diese Herausforderung reagierte. Seno blieb erstaunlich gelassen. Lachend erklärte er, dass er vor dem Jagen Holz gesammelt hatte, weil er die Dauer der Jagd nicht genau abschätzen konnte. Insgeheim gab Emelia ihm Recht. Lieber feuchtes Holz als eventuell gar keines. Immerhin hatte sie gar kein Holz gesammelt. Nun lachte auch sie. Um dem Feuer unauffällig näher zu kommen, reichte sie ihm den gehäuteten Meloghe. Während der Meloghe von den züngelnden Flammen gebraten wurde, sah sie gebannt dem Flammenspiel zu. Es faszinierte sie immer wieder. Seno erzählte einige seiner bisherigen Erlebnisse. In den Wäldern des Imperiums schien doch nicht hinter jedem Baum ein Untier zu lauern, wie manche Bücher glauben machen wollten. Vielleicht stammten die Berichte in den Büchern doch eher aus Grenzregionen und Gebieten jenseits des Imperiums. Aufmerksam hörte sie Seno weiterhin zu. Nachdem der erste Hunger gestillt war, begann Emelia nun ihrerseits behutsam aus ihrem Leben zu erzählen. Hierbei vermied sie es bewusst, nichts zu erwähnen, was mit Feuer zu tun hatte. Sie hatte im Orden gelernt, was mit unvorsichtigen Magiern geschehen konnte, wenn sie sich zu erkennen gaben. Viele einfache Bürger des Imperiums waren nicht sonderlich gut auf Magiebegabte zu sprechen. So erzählte sie vorwiegend von dem, was sie bei den Botengängen in die Stadt erlebt hatte. Nach dem Essen wollte sich Seno gleich zur Ruhe legen, um am nächsten Morgen früh aufzubrechen. Das war Emelia ganz recht, da sie so den kalten Wald umso schneller hinter sich lassen konnte. Auf ihre Frage nach einer Nachtwache, beruhigte sie Seno abermals. Diese Gegend sei ruhig und sie waren zu zweit, so dass ihnen kaum etwas passieren mochte. Zudem würde sie, als Stadtmensch, wahrscheinlich beim geringsten Anlass aufwachen. Bei sich dachte die junge Pyromantin, dass er da wohl wiederum Recht hatte. Sie konnte von Glück reden, wenn sie hier überhaupt schlafen konnte, so kalt und ungewohnt, wie diese Umgebung war. An die Kälte wird sie sich wohl gewöhnen müssen. Immerhin würde kaum ein Ort so angenehm geheizt sein, wie es der Orden der Feuermagier war. Sie schaute zu dem Jäger hinüber. Er sah kaum älter aus, als sie es war, aber er schien doch erfahrener und weiser zu sein. Lernte man das, indem man durchs Imperium reiste? In ihr reifte der Entschluss mit diesem Jäger morgen Früh weiter zu reisen. Sie grinste. Da er die Wälder wohl kennt, würde sie sich wenigstens nicht mehr verlaufen. Tief sog sie den Duft des nahen Lagerfeuers ein. Es roch noch etwas kalt, woraufhin sie sich entschloss, es noch einmal kräftig zu schüren. Schon besser. Die Wärme des Feuers suchend legte sie sich noch etwas näher an die beruhigenden Flammen. Den knisternden Flammen lauschend versuchte sie etwas Schlaf zu finden. Nach kurzer Zeit erwachte sie wieder. Das Feuer wärmte leider nur von einer Seite. Nach kurzem Kramen in ihrem Rucksack zog sie noch eine warme Decke hervor, die sie zusätzlich zu dem Mantel um sich wickelte. Dann legte sie noch etwas Feuerholz nach. Schließlich sollte es bis zum Morgen wärmen. Dann legte sie sich wieder hin. Nach einiger Zeit erholsamem Schlaf erwachte sie erneut vor Kälte. Ein leichter aber eiskalter Wind war aufgekommen. Sie war es einfach nicht gewohnt, kalte Nächte in dunklen Wäldern im Freien zu verbringen. Zitternd grinste sie. Zumindest störten sie die ungewohnten Geräusche nicht mehr so wie zu Anfang. Sie schaute kurz zu dem schlafenden Jäger hinüber. Er hatte wohl schon mehr Nächte im Freien verbracht. Ein einfacher Mantel genügte ihm als Zudecke. Sie zitterte schon beim Gedanken daran. Wenn sie noch etwas schlafen wollte, benötigte sie mehr Wärme. So nahm sie sich ein Scheit aus dem Feuer und beleuchtete damit den nach ihrem zweimaligen Nachlegen kleiner gewordenen Stapel Holz. Na ja. Dieses restliche von Seno gesammelte Holz nahm sie nun und errichtete eine zweite Feuerstelle, die ihren Rücken wärmen sollte. Das dies nicht reichen würde, sah sie gleich. Also seufzte sie leise und stand auf, um noch etwas Holz zu sammeln. Die kleine Flamme des Scheites in ihrer Hand diente ihr als Lichtquelle. Mit einem kurzen Blick zu Seno vergewisserte sie sich, dass er noch schlief, dann bewegte sie sich möglichst leise in Richtung Bäume. Mit einer winzigen Geste brachte sie die kleine Holzscheitflamme unter Kontrolle, als sie sich ins Unterholz begab, schließlich wollte sie damit keinen Waldbrand verursachen. Rasch sammelte sie noch etwas Holz, das sie mit leise gemurmelten, kaum zu bemerkenden Worten trocknete, bevor sie zum Lager zurückkehrte. Mit dem frisch gesammelten Holz vergrößerte Emelia die zweite Feuerstelle, so dass sie auch eine angenehme Größe hatte und entzündete das zweite Lagerfeuer dann mit dem Holzscheit, den sie der Feuerstelle hinzufügte. Sie hüllte sich wieder in ihre Decke und warf noch mal einen prüfenden Blick zu Seno. Er schien immer noch tief und fest zu schlafen. Gut so. Sie legte sich zwischen die wärmenden Feuer. Nun konnte sie auch noch mal etwas Schlaf finden. In Mantel und Decke gewickelt und mit wohliger Wärme der beiden lodernden Lagerfeuer von vorne und von hinten eingehüllt, schlief Emelia bald tief und fest mit einem entspannten Lächeln im Gesicht ein.

7

Wer öfters alleine in der Wildnis übernachten muß, der gewöhnt sich alsbald einen leichten, aber dennoch erholsamen Schlaf an. Er dient dazu, sich selber bei jedem ungewöhnlichen Geräusch zu wecken und somit sein Überleben zu sichern. Manchmal aber kann so eine an sich gute Eigenschaft auch Nachteile mit sich bringen. So war es auch diesmal. Seno öffnete die Augen und verhielt sich still. Da war ein Geräusch, das nicht sein durfte. Er lauschte und schimpfte in Gedanken mit sich selber. Da war dieses Stadtweib doch tatsächlich aufgestanden und errichtete ein zweites Lagerfeuer. Wieso machte Sie das? Warum reichte ihr nicht das eine? Er beschloß sie erst einmal zu beobachten, ohne auf sich aufmerksam zu machen. Seine Wut legte sich, als beobachte, wie umsichtig Emelia das Feuer plante. Nicht perfekt, aber dennoch so, daß sicherlich kein Waldbrand entstehen konnte. Seno wollte schon die Augen schließen und erneut den Schlaf suchen, als seine Lagerkameradin mit einem brennenden Ast in den Wald ging. Eine Hand auf seinen Sachen, um bei einem sich ausbreitenden Brand schnell fliehen zu können wartete er ab. Das konnte einfach nicht gut gehen, da wo Emelia hinging war dichtes Unterholz, und es hatte in den letzten Tagen nicht besonders viel geregnet. Leiste Worte kamen von der unvorsichtigen Frau, als sie schon ne Weile im Unterholz rumgestochert hatte. ‚Ja, bete nur, doch wenn du den Wald entzündest hast, bin ich weg.' Aber da kam sie auch schon wieder und der Wald brannte nicht. ‚Ok, ich habe dich unterschätzt. Du kannst ja doch aufpassen." Sie entzündete den zweiten Holzhaufen und legte sich hin. Seno entspannte sich und fand bald wieder ins Land der Träume.
Die ersten Sonnenstrahlen weckten den Mann. Er streckte sich und stand auf. Seinen Groll längst vergessen, grüßte er die auch schon aufwachende Frau. "Möge der Tag, dir Sonne schenken.", mit diesem alten Morgengruß wollte er ihr zeigen, daß er kein ungebildeter Landstreicher war. "Guten Morgen, möge der Regen deine Felder besuchen.", erwiderte sie ihm mit einem alten Gruß. Beide grinsten sich an. "Wollen wir Frühstücken, ehe wir aufbrechen?", fragte Seno Emelia. "Ja. Ich habe sogar etwas Maisbrot dabei und würde es gerne mit dir Teilen, wo du doch unser Abendbrot bereitet hast." "Wunderbar. Dazu etwas von meinem Pökelfleisch und frisches Quellwasser und wir essen wie Edelleute." "Das wäre aber nicht nötig. Spare dein Fleisch, uns reicht auch das Maisbrot." "Ja, aber mit Fleisch schmeckt es besser." Emelia zögerte, wohl nicht immer von dem Jäger etwas nehmen wollen. Doch Seno lächelte nur und holte schon sein Pökelfleisch hervor. Für ihn war es normal, mit seinen Gefährten alles zu teilen. Er fand es richtig sich innerhalb einer Gruppe zu helfen. So nahmen sie ihr Frühstück ein, löschten ihre zwei Feuer und packten ihre Sachen. "Wie sieht es aus? Willst du mich begleiten, Emelia? Zumindest bis zu der nächsten Weggablung?" "Um ehrlich zu sein, wäre es nett, wenn wir beide bis Ametar zusammen gehen, da mein Weg mich auch dahin führt." "Wunderbar.", freute sich Seno aufrichtig. Einsamkeit ist zwar was schönes, aber eine kleine Gruppe hat einige Vorteile und solange es nur eine kleine Gruppe bleibt, konnte er gut damit zurecht kommen. "Doch beim nächsten Lagerfeuer zeige ich dir, wie man mit einem Feuer die ganze Nacht rundum warm bleibt." Emelia zuckte zusammen. "Hast wohl schon gedacht, ich reagier gar nicht auf das zweite Feuer?", sprach Seno und ging kichernd los, ehe Sie was erwidern konnte.
Sie wanderten den ganzen Tag die Reichsstrasse entlang. Nur wenige Reisende kamen ihnen entgegen, welche sie aber immer höflich grüßten und ab und an über den Weg fragten. Nicht das sich Seno verlaufen würde, aber es war immer gut zu wissen, in welchem Zustand der Weg vor einem ist und ob es anderweitige Störungen zu befürchten sind. An der ersten Weggabelung wollte Emelia noch ihre Karten befragen, doch Seno führte sie zielsicher in die richtige Richtung, daß sie bei der nächsten Kreuzung schon nicht mehr zögerte ihm zu folgen.
Am Abend schlugen sie ihr Nachtlager an einem Fluß auf. Seno ging wieder auf die Jagd, während er Emelia bat schon mal ein Feuer zu machen und zu ihrer Verwunderung Steine als Untergrund zu benutzen.. Ihm war wieder das Jagdglück hold und so aßen sie erneut Braten. Danach unterhielten sie sich noch ein wenig, wobei Emelia erstaunt schaute, wie Seno das Feuer löschte. Als sie wenige später sich hinlegen wollten sah sie zu, wie Seno sich eine Hand mit dem Mantel umwickelte und dann Steine aus dem erloschenen Feuer holte um anschließend das Feuer wieder zu entzünden. Einen Teil der Steine legte er neben das neue Feuer und legte kleine Äste drüber. "Gib mir deine Decke." Er erhielt sie und wickelte die restlichen Steine ein. "So. Nun deck dich erst mit dem Mantel und anschließend mit der Decke zu. Die Steine werden dich warmhalten." Grinsend sah der Jäger zu, wie Emelia sich vorsichtig auf die Steine legte und dann die Decke auf sich legte. Sicherlich war es nicht das bequemste, aber er wußte, daß die aufgeheizten Steine die ganze Nacht hindurch genug Wärme abgaben, selbst für so ein frierendes Frauenzimmer. Es dauerte zwar eine Weile, aber schließlich fand Emelia eine angenehme Position und schlief alsbald ein.
Den nächsten Tag wanderten sie wieder ein gutes Stück vorwärts, bis es zu dämmern anfing. Da schaute sich Emelia öfters um, bis sie schließlich meinte: "Wo wollen wir den unser Nachtlager aufschlagen, es wird schon dunkel." "Ich hab eine Überraschung für dich. Halt noch ein wenig aus." Und so trabte sie hinter ihm her, bis sie hinter einer Wegbiegung Flackerschein bemerkte. "Hörst du?" Sie lauschte. "Da sind Stimmen.", sprach sie erfreut. "Ein großes Lager?" "Besser. Eine Herberge," "Eine Herberge.", wiederholte sie verträumt und schritt voran. Seno folgte ihr kichernd.

8

Die ersten Sonnenstrahlen des Morgens wärmten angenehm. Emelia erwachte langsam. Das Licht der Sonne hatte sie geweckt, doch gewärmt wurde sie immer noch von den beiden Feuern. Seno stand bereits und grüßte: "Möge der Tag Dir Sonne schenken." Sie überlegte kurz, woher sie diesen Gruß kannte. Gehört hatte sie ihn noch nicht. In der Stadt sprach man schon lange nicht mehr auf diese Weise. Da fiel es ihr ein. In einem staubigen Buch hatte sie so einen Gruß schon gelesen. Wie war noch gleich die übliche Erwiderung? Ah, ja: "Guten Morgen, möge der Regen Deine Felder besuchen.", erinnerte sie sich. Woher der junge Jäger wohl diese alten Redeweisen kannte? Oder gab es noch Gegenden, in denen so gesprochen wurde? Sie grinste und nahm sich vor, das mal herauszufinden, und wenn sie durchs gesamte Imperium reisen musste. Irgendwie gefiel ihr der Gedanke, die Welt zu bereisen. Vielleicht war sie bald bereit, auf Bildungsreisen zu gehen, wie es bei den Magiern üblich war. Durch die Welt zu reisen und dabei zu lernen und zu forschen, Aufträge von erfahreneren Magiern zu erfüllen, den Bürgern zu helfen, … Sie geriet ins Träumen. Das Knurren ihres Magens holte sie in die Gegenwart zurück und Seno fragte, ob sie Frühstücken wollten. Hatte ihr Magen so laut geknurrt? Konnte er das gehört haben? Da Seno schon das Abendessen spendiert hatte, wollte sie nun auch etwas beitragen. Viel hatte sie nicht dabei, aber das Maisbrot machte wenigstens satt. Sie holte es aus ihrem Rucksack und bot an, es mit Seno zu teilen. Er bot sogleich an, Pökelfleisch und Quellwasser dazu zu spendieren, damit sie wie Edelleute äßen, aber Emelia vermutete, dass er ihr Magenknurren doch gehört hatte. Was wohl ein Pökel für ein Tier ist? Davon hatte sie bisher nichts gelesen. Im Orden gab es vorwiegend frisch gebratene Meloghe, flambierte Cajuns und andere von Flammen geküsste Leckereien, aber Pökel wurden dort noch nicht serviert. In der Stadt war sie nicht lange genug gewesen, um dort Mahlzeiten zu sich zu nehmen. Dafür hatte sie auch keine Zeit gehabt. Es klang jedoch so, als sollte sie Pökel kennen. "Das wäre aber nicht nötig. Spare Dein Fleisch, uns reicht auch das Maisbrot." Damit versuchte sie noch mal halbherzig, ihn umzustimmen. Er bestand darauf. Als sie das Fleisch roch, wusste sie wie hungrig sie gewesen war. Es war nicht erkennbar, wie so ein Pökel wohl lebend ausgesehen haben mochte. Sie hoffte nur, dass es kein Ungeziefer gewesen ist. Aber wenn Edelleute so etwas essen, wird es schon delikat sein. Sie probierte eins. Es schmeckte gut. Sie aß schnell, damit sie bald aufbrechen konnten, bevor es im Wald wieder kälter wurde. Sie löschten die beiden Feuer, woraufhin es merklich kälter wurde. Schnell packte sie ihre Sachen wieder in den Rucksack. Beim Aufbruch fragte Seno nun, ob sie gemeinsam weiterreisen würden, zumindest bis zur nächsten Weggabelung. Nun war es an der Zeit, ihm ihre Entscheidung mitzuteilen. Erfreut sagte sie zu und verriet, dass sie ebenfalls nach Ametar reiste. So könnten sie den ganzen Weg gemeinsam reisen. Vielleicht konnte sie auf dem Weg herausfinden, woher er den alten Gruß kannte und was so ein Pökel war. Sie war sich sicher, dass sie auf dieser Reise noch so einiges lernen konnte. "Doch beim nächsten Lagerfeuer zeige ich Dir, wie man mit einem Feuer die ganze Nacht rundum warm bleibt.", sagte Seno unvermittelt. Emelia erschrak. Was hatte er alles mitbekommen? Seno fuhr fort: "Hast wohl schon gedacht, ich reagier gar nicht auf das zweite Feuer?" Kichernd machte er sich auf den Weg. Sprachlos folgte sie rasch. Erleichtert darüber, dass er nur das zweite Feuer meinte, welches ja auch kaum zu übersehen gewesen war, und nicht ihre kleinen Zaubereien, und gleichzeitig verärgert: Was bildete der sich ein? Glaubte er etwa, er könnte ihr noch etwas über Feuer beibringen? Das war ja gelacht. Mühsam beruhigte sie sich wieder. Andererseits hatte er sich nur mit einem Mantel zugedeckt. Vielleicht gab es da ja einen Trick, den sie noch nicht kannte. Aber ihre Feuer hatten doch funktioniert und das ganz ohne Magie, fast ganz. Was könnte man da schon noch verbessern? Mit einem Feuer? Da müsste sie sich ja die ganze Nacht lang drehen, um nicht einseitig zu frieren. Die Reise schien interessant zu werden. Auf ihrem Weg in Richtung Ametar begegneten ihnen ein paar Reisende, ansonsten folgte ein Baum dem anderen. Da Emelia mit Seno einen erfahrenen Jäger an ihrer Seite wusste, zuckte sie auch nicht mehr bei jedem Geräusch zusammen. Sie fühlte sich nun wesentlich sicherer. Wieso Seno die anderen Reisenden wohl stets nach dem Weg fragte, der vor ihnen lag? Kannte er sich hier doch nicht so gut aus? Mit der Zeit wurde der Wald etwas lichter. Als sie an eine Weggabelung kamen, zog Emelia ihre Karten aus der Tasche, um zu verifizieren, dass sie noch auf dem richtigen Weg waren. Ohne zu zögern nahm Seno den rechten Weg. Dann kannte er sich hier eben doch noch aus. Dem Jäger folgend steckte sie die Karten wieder ein. Sie konnte seinem Orientierungssinn wohl mehr vertrauen, als ihren Karten und den Büchern, aus denen sie sie kopiert hatte. Immerhin war sie auch noch keinen Monstern und Untieren begegnet. Das hatten ihr die Bücher ja auch vorhergesagt. An den folgenden Weggabelungen und Kreuzungen zuckte ihre Hand nicht einmal mehr zu ihrer Tasche, um die Karten herauszuholen. Als es zu dämmern begann, führte sie der junge Jäger an einen Fluß und meinte: "Lass uns hier das Lager aufschlagen. Ich gehe nochmals jagen, mach Du schon mal ein Feuer und vergiss nicht ein paar Steine hineinzulegen." Mit einem verschmitzten Lächeln fügte er hinzu: "Und denk dran, ein Feuer reicht aus." Damit verschwand er im Wald. Emelia sah sich um. Zum Glück war der Wald hier nicht ganz so dicht, so waren wärmende Sonnenstrahlen noch vorhanden. Sie sammelte etliche Steine, legte einige davon im Kreis auf den Boden und die restlichen in einen kleinen Stapel daneben. Danach sammelte sie trockenes Holz, jede Menge trockenes Holz. Ein Feuer, hatte er gesagt, na gut, aber er hat nicht erwähnt, wie groß es sein sollte…und wozu die Steine? Tja, sie würde es wohl noch erfahren. Eine kleine Weile würde sie ihre Neugier im Zaum halten können. So errichtete sie ein großes Lagerfeuer aus dem trockenen Holz und legte die restlichen Steine hinein. Dann entzündete sie das Lagerfeuer. Es wurde langsam wohlig warm am Feuer. In ihren Mantel gehüllt setzte sie sich ans Feuer und wartete. Ihre Gedanken verloren sich langsam in den Flammen. Das faszinierende Farbenspiel, das leise Knistern, der angenehme Duft und die wabernde Wärme zogen sie in ihren Bann. Sie bemerkte nicht, wie Seno von der Jagd zurückkehrte. Urplötzlich stand er neben ihr am Feuer mit einem Meloghe in der Hand. Sie schalt sich selbst. In anderen Gegenden des Imperiums mochte solch eine Unaufmerksamkeit und solche Träumereien sie in gefährliche Situationen bringen, wenn nicht gar umbringen. Fühlte sie sich schon zu sicher? Als sie den Braten verspeisten, unterhielten sie sich über, wie Emelia fand, Belanglosigkeiten. Immer wieder sah sie zu den Steinen. Was er damit wohl vorhatte? Überraschenderweise stand Seno auf und löschte das Feuer. Was tat er da? Mittlerweile war es dunkel und kalt geworden. Es pfiff zwar kein kalter Wind und war somit etwas wärmer als in der letzten Nacht, aber trotzdem noch kalt genug. Mit seinem Mantel als Schutz nahm er die Steine aus der Glut, entzündete das Feuer wieder, legte einen Teil der Steine neben den Lagerfeuerplatz unter kleine Äste, die restlichen wickelte er in ihre Decke. Nach seinem Vorschlag sollte sie sich erst in den Mantel und dann in die Decke mit den Steinen drin einwickeln. Die junge Pyromantin legte sich vorsichtig auf die Decke mit den Steinen drin und spürte, dass die Steine angenehm warm waren. Nun verstand sie, was er mit den Steinen vorhatte. Sie wickelte sich in ihren Mantel und in die Decke und kuschelte sich in die warmen Steine. Bald war sie eingeschlafen. Erst am nächsten Morgen erwachte sie von ein paar Sonnenstrahlen. Erstaunlich, dass sie die ganze Nacht durchgeschlafen hatte. Diese Steinheizung war eine wirklich gute Idee gewesen. Sie warf Seno einen bewundernden Blick zu. Sie packten ihre Sachen zusammen und brachen alsbald auf. Ihre Wanderung verlief an diesem Tage weitgehend ereignislos. Sie wanderten nebeneinander her und unterhielten sich. Doch an diesem Tag machte Seno bei Anbruch der Dämmerung keinerlei Anstalten, irgendwo zu lagern. Es wurde dunkler und Emelia nervöser. Irgendwann hielt sie es nicht mehr aus und es platzte aus ihr heraus: "Wo wollen wir denn unser Nachtlager aufschlagen? Es wird schon dunkel." Seno vertröstete sie damit, dass er noch eine Überraschung für sie hatte, auf später. Die Spannung wurde fast unerträglich für sie. So trottete sie hinter Seno her, grübelnd, womit er sie wohl überraschen wollte. Dann hörte sie irgendwas voraus. Seno schien ganz ruhig zu bleiben. Was konnte das nur sein? Der Weg verlief hier in einem leichten Knick. Diesen hinter sich lassend nahm Emelia einen flackernden Feuerschein wahr. Jetzt konnte sie auch das Geräusch besser deuten. "Hörst Du? Da sind Stimmen. Ein großes Lager?" "Besser." Machte Seno sie weiter neugierig: "Eine Herberge." An warmes Kaminfeuer denkend und tief einatmend seufzte Emelia: "Eine Herberge." Endlich wieder ein Dach über dem Kopf und einem Kaminfeuer beim prasseln zuschauen. Ihre Schritte beschleunigten sich unbewusst. Hinter sich hörte sie ein kichern. So näherten sie sich der Herberge. Emelia sah ein Schild über der Türe baumeln, das verhieß: "Zum lachenden Flahi". Es erschien ihr unsinnig. Wie konnte ein Flahi lachen? Flahis waren die im Imperium gebräuchlichen Reittiere. In der Stadt hatte sie schon oft welche gesehen, aber noch nie eines lachen gehört. Neugierig betrat sie die Herberge. In dem gemütlichen Schankraum saßen einige Gäste an einfachen, aber stabilen Tischen. Es roch nach Eintopf. Über der Theke hing ein Bild eines Flahi. Dieses schien auf dem Bild wahrhaftig zu lachen. Ein seltsamer Anblick. Eine gemütlich wirkende Wirtin begrüßte sie herzlich: "Willkommen Reisende. Setzt Euch, ich bringe Euch gleich Eintopf und Bier." Emelia überlegte, ob sie so hungrig aussahen und stellte fest, dass ihr Magen sich tatsächlich auf den Eintopf freute. "Habt Dank." Antwortete Seno und setzte sich an einen freien Tisch. Emelia folgte seinem Beispiel, fragte die Wirtin aber, ob sie etwas heiße Milch statt des Bieres bekommen könnte. Man hatte sie im Orden davor gewarnt, dass sich Alkohol und Magie nicht miteinander vertrügen. Warum genau, wusste Emelia nicht, aber sie hatte sich immer daran gehalten und wollte dies auch weiter tun. Zudem rochen Bier und Wein nicht so, als dass sie jemals davon hatte trinken wollen. Hier, so dachte sie, könnte sie sich auch endlich revanchieren, für die abendlichen Braten, die Seno erjagt hatte. Die Wirtin brachte ihnen zwei Teller dampfenden Eintopfes mit je einem Stück Fleisch darin und dazu die Getränke. "Habt Ihr auch ein Zimmer für die Nacht für uns?" kam Emelia Seno zuvor. "In einem Zimmer sind noch zwei Betten frei. Ich denke die Herren dort werden nichts dagegen haben." Im Gespräch mit der Wirtin befand sich Emelia endlich auf vertrautem Terrain. Solche Gespräche und Verhandlungen hatte sie in der Stadt schon öfters geführt und da sie auch einige Taler dabei hatte, zahlte sie gleich die Zeche für sie beide. Seno schien ihr etwas überrumpelt. Sie grinste ihn an: "Heute sorge ich mal für Essen und Nachtlager. Ich hab mich noch gar nicht für die letzten Braten bedankt. Das tue ich dann hiermit." "Wenn dem so ist, bedankte ich mich." Lachte Seno zurück. "Diese Nacht werdet ihr kaum Steine und zwei Feuer benötigen, hier gibt es gut von Kaminen beheizte Räume und Betten mit dicken Daunendecken." Nach dem Essen plauderten sie noch etwas und Emelia ließ dabei ihren Blick durch den Raum schweifen. Sie saßen nahe dem großen Kamin an einem gemütlichen Tisch. War das Senos Absicht gewesen? Sie lächelte, er hatte den Tisch gut ausgewählt. Mit dem Eintopf im Magen und dem Kaminfeuer im Rücken empfand sie eine angenehme Wärme. Hier würde sie bestimmt nicht frieren. Am Nachbartisch saßen eine Dame und zwei Herren. Sie unterhielten sich angeregt. Einer der Herren schien zu der Dame zu gehören. Die beiden waren sehr gut gekleidet. Der andere Herr trug schlichte blaue Kleidung aus ebenfalls gutem Stoff. Um seinen Hals trug er ein großes verziertes Dreieck an einer goldenen Kette. Das Dreieck wies ihn als Anhänger Nakutas aus, der Göttin der Heilkunst. Ein Gesprächsfetzen verlor sich in ihr Ohr: "Herr Altmann, … versichere…Ankunft…ihre Frau…" Emelia gab es auf, etwas verstehen zu wollen. Ihr Blick schweifte weiter. An einem Tisch gegenüber der Tür saß ein Mann in leichter Rüstung. Sein Schwert lehnte in griffweite neben ihm an der Wand. Er trug Stiefel mit Sporen. Eine Schankmaid brachte ihm gerade ein neues Bier: "Möge es Euch munden, Herr Regar." Der Ritter lächelte und steckte der Maid eine Münze zu. In einer dunklen, entfernten Ecke des Raumes saß eine Gestalt und kramte in einem Beutel herum. An einem Tisch nahe der Tür saßen zwei in Wamse gekleidete Herren. Ihre Unterhaltung konnte Emelia nicht verstehen, aber sie schienen angeregt zu diskutieren. Um einen runden Tisch in der Mitte des Raumes saßen mehrere einfach gekleidete Männer beim Würfelspiel. Sie tranken und lachten laut. Emelia genoss die Atmosphäre im Schankraum. "Bora" rief einer der Männer aus der Würfelrunde der Schankmaid zu, "bring uns noch mehr Bier!" "Ja, Herr Nahr, sofort." Antwortete das Mädchen. "…noch anwesend?" Hörte Emelia nah bei sich und zuckte zusammen. Hatte Seno etwas gesagt? Wie lange hatte er schon mit ihr gesprochen? Irgendwie waren ihre Gedanken mal wieder abgeschweift. "Entschuldige, was hast Du gesagt?" "Och, nichts Besonderes." Antwortete Seno kichernd. "Es ist bereits spät, wir sollten uns bald zu Ruhe begeben. Dann können wir morgen in aller Frühe weiterziehen." Nichts von dem klang so wie der Fetzen, von dem was sie verpasst hatte. Geschieht mir ganz recht, dachte Emelia, etwas sauer auf sich selbst. Wenn ich was mitbekommen will, muss ich halt aufmerksamer sein und nicht immer so vor mich hinträumen. Aber Seno hatte wieder einmal Recht, es war draußen schon stockdunkel, wie sie mit einem Blick aus dem Fenster feststellen konnte. Sie sollten nun wirklich aufs Zimmer gehen. Der Wirt ein großer, stämmiger Mann, führte sie nach oben ins Zimmer: "Seid leise, zwei der Herren schlafen schon." Mit den Worten und einer kleinen Öllampe ließ er sie in dem Zimmer allein. Mittig in der linken Wand war ein großer Kamin eingelassen, in dem ein wärmendes Feuer prasselte. Ein Bett in der Nähe war noch frei. Emelia steuerte unverzüglich darauf zu. Seno folgte ihr und flüsterte ihr zu: "Ich helfe Dir es leise näher an den Kamin zu stellen." Emelia drehte sich grinsend um: "Danke." Sie vermutete fast, er könnte Gedanken lesen, aber ihre Vorliebe für Wärme war wohl zu offensichtlich. Möglichst leise trugen sie also zu zweit das Bett näher an den Kamin. Ja, hier war es schön warm. Hier würde sie gut schlafen können. Seno ließ sich auf dem nächsten freien Bett nieder. In den zwei Betten am Fenster schlief schon jemand. Die Bettdecken hoben und senkten sich in gleichmäßigem Rhythmus. Sie schliefen tief und fest. Über der Tür fiel ihr ein Bild auf, auf dem wieder ein scheinbar lachendes Flahi abgebildet war. An der Wand gegenüber der Tür standen zwei Schränke. Neben der Tür an der Wand hing ein Spiegel und eine Waschschüssel stand darunter. Ein Tisch von sechs Stühlen umringt stand mittig im Raum. Emelia wickelte sich wieder in ihren Mantel und legte sich damit unter die Daunendecke. Schööön warm. Sie warf noch einen Blick zu Seno rüber, der sich auch gerade zur Ruhe begab. Nach kurzer Zeit schlief sie tief und fest.

9

Es sah noch immer so aus, wie früher. Lange war er an der Herberge nicht mehr vorbei gekommen. Noch immer sah das Haus recht freundlich und einladend aus und dennoch, bisher war er noch nie hier eingekehrt. Entweder es war Mittag als er hier war, oder aber er wollte doch lieber unter dem freien Himmelszelt schlafen. Nun denn, Emelia trat bereits ein, so beeilte er sich, ihr zu folgen. Der Schankraum war groß und mit stabilen Möbeln dekoriert. Kurz schweiften Senos Gedanken ab, wie wohl Emelia reagieren würde, wenn es heute hier noch eine Schlägerei geben würde? Das wäre gar nicht so unüblich. Die Wirtin bot Ihnen Speis und Trank an. "Habt dank.", erwiderte er, da Emelia staunend sich umsah und nicht reagiert. Seno setzte sich an einen freien Tisch, unweit des großen Kamins. Emelia setze sich zu ihm, der Wirtin noch schnell um Milch bittend. Während sich beide weiter in dem Raum umsahen kam alsbald die Wirtin zurück und brachte das Gewünschte. Sogleich fragte Emelia nach einer Schlafstätte und bezahlte auch das Essen. Sie bestand drauf, was Seno dankend annahm. Er war immer froh, Geld zu sparen. Um so weniger mußte er Arbeiten. Nach dem leckeren Essen und einem kräftigem Schluck von seinem Bier begann Seno eine Unterhaltung. Wieder unterhielten sie sich über belangloses. Es war schwer Zeitweise das Gespräch aufrecht zu halten, da ihnen beiden wohl langsam der Gesprächstoff ausging. In einer der Gesprächspausen bekam er ein Gesprächsfetzen der drei Personen am Nachbartisch mit. "..doch, ich sage es Euch, ein Wiederbeleber ist in Ametar gesehen worden." "Mein Herr, ihr müßt Euch irren, Totenbeschwörer gibt es hier nicht." "Die Kirche hätten ihn sofort getötet.", warf die Dame ein. "Nein, nein, der zeigt sich doch nicht, schickt nur seine Monster." "Die würden eh..." Zu gern hätte Seno weiter zugehört, schließlich hatte er seine Kindheit in der Nähe eines Friedhofs verbracht, da waren Gerüchte von wiederkehrenden Toten oft zu hören. Sein Vater und er hatten sich oft lustig gemacht über viele dieser unsinnigen Aberglaubengeschichten, die nichts mit der Realität zu tun hatten. Zu gern würde er diesen ‚Totenbeschwörer' mal sehn. Statt aber weiter zu lauschen, wand er sich wieder Emelia zu, die ihm gerade etwas erzählte. Sie führten eine recht angenehme Unterhaltung, bis er anfing über die restliche Wegstrecke zu erzählen. Da dauerte es nicht lange und er fand sich in einem Monolog wieder, da seine Tischnachbarin sich verträumt im Raum umsah und die anderen Gäste beobachtete. "Bist du noch anwesend?" Sie entschuldigte sich und Seno kicherte amüsiert über ihre Verlegenheit. Sie beschlossen zu Bett zu gehen, da es früh Morgens weiter gehen sollte. So rief Seno den Wirt. "Wirt! Kann Eure Magd uns unser Zimmer zeigen?" "Nein, aber ich will es gerne tun."; erwiderte der große, massige Mann und ging voran zu einer Treppe. Seno erahnte eine Verwunderung in Emelia's Gesichtsausdruck. Sie war wohl immer noch überzeugt einen Rumtreiber bei sich zu haben. Das er, ein Waldmensch Begriffe wie ‚Magd' kennt, konnten ja auch nicht sein, oder? Seno nahm sich vor ihr noch öfters zu zeigen, daß er gebildeter ist, als sein Lebensstil vermuten läßt. Zugegeben, daß war mittlerweile zu einer Manie von ihm geworden. Immer, wenn er sich unter Menschen begab, versuchte er sich als gebildet dar zu stellen, meist mit mäßig Erfolg. Dies lag wohl daran, daß er zwar einerseits nun meist in der Wildnis lebte, aber aus der Stadt stammte und dies meinte beweisen zu müssen. Eventuell war es aber auch die Scham um den niedrigen Job seines Vaters die ihn dazu trieb. Ach er wußte es nicht und letztendlich war es auch egal. Im Schlafraum angekommen, es war ein Sechsbetten-Zimmer in dem schon 4 Betten belegt waren, half er Emelia noch schnell ein Bett nah ans Feuer zu schieben, ehe er sich selber hinlegte. Gewohnt schnell schlief er, trotz des Schnarchens eines der anwesenden Schläfers, ein.
Langsam öffnete Seno die Augen. Er hatte gut geschlafen, doch jetzt zog es ihn ins Freie und so stand er auf, sich leise ankleidend um keinen zu wecken. Angezogen schlich er zu Emelia um sie zu wecken. Auf den Weg zu ihrem Bett, sah er aus dem Augenwinkel etwas was seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Er drehte sich zur Seite und sah zu einem Bett. "Was?", entfuhr es ihm, lauter als gewollt, während er den Schritt auf das Bett zu machte. Während er hinter sich Emelia's verschlafene Stimme hörte ("Morgen"), starrte er in das Bett vor sich. In diesem lag ein etwa 40jähriger Mann, dessen Kehle durchgeschnitten war. "Was, hast du, Seno?", fragte Emelia und er drehte sich um. "Da liegt ein..", fing er an zu flüstern und sich gleichzeitig umdrehend. Dabei fiel sein Blick in ein weiteres Bett. "Manukis.", brüllte er fast den Todesgott an, wie er einen weiteren Toten gewahr wurde. Auch dieser hatte eine durchschnittene Kehle. Schnell kontrollierte er die verbleibenden zwei Betten und entdeckte auch in ihnen Tote. "Wie kann das sein?", fragte er sich laut. "Waren die gestern schon tot?", hörte er jetzt Emelia fragen, sicherlich nicht der erste Satz, den sie sagte. "Nein. Ich habe zumindest einen gestern schnarchen hören. Wieso bin ich nicht aufgewacht?" "Wieso sind wir nicht tot?" Seno schaute Emelia entgeistert an, was für eine Frage, aber sie meinte das ernst. Er dachte nach. Sie hatte recht, wenn hier schon jemand drin war und rummordete, warum dann nicht auch sie beiden. "Wir..", setzte er an, aber weiter kam er nicht. "Mörder!", erschall es von der Tür und sie beiden drehten ihre Köpfe in die Richtung. Mehrere Menschen traten in den Raum. Seno erkannte sie teilweise als Gäste vom Vorabend. "Nein, wir waren das nicht.", erklärte Emelia, den nun reinkommenden Menschen. "Was ist passiert?", fragte einer aus dem Flur. "Wir haben hier zwei Mörder." "Die haben doch glatt hier vier Leute umgebracht. "Hängt sie." "Fangt sie. Die töten uns sonst auch noch." "Ja, packt sie." Sowohl Emelia als auch Seno versuchten dagegen zu reden, aber die Meute ließ sie nicht zu Wort kommen. Immer mehr Menschen kamen in die Stube und packten sie. Seno überlegte sich, sich zu wehren, aber es war wohl besser erst einmal nichts zu tun. So ein aufgewühlter Mop konnte gefährlich werden. Sie wurden runter in den Schankraum geführt. Tische wurden zur Seite geschoben und zwei Stühle in die Mitte der freien Fläche gestellt. "Setzen!", kam die Aufforderung, und man drückte sie schon auf die Stühle. "Was nun? Hängen?", fragte ein Mann, mittleren Alters. "Nein, wir müssen die Obrigkeit rufen.", erwiderte ein autoritätsausstrahlender Mann in einer leichten Rüstung und einem Schwert an der Seite baumelnd. "Das dauert zu lange.", erwiderte jemand. "Können wir nicht..", versuchte Emelia an zu setzen, doch sofort fuhr man ihr über den Mund. "Schweig, Mörderin. Und durchsucht sie mal endlich jemand.", sprach der Wirt, welcher auch mittlerweile anwesend war. Da wurden die beiden vermeidlichen Mörder grob gepackt und man durchsuchte sie. In ihrer Entschlossenheit nahmen die Männer Emelia und Seno alles ab, außer der Kleidung. Seno bemerkte, daß sie gar die Beutel ihm vom Gürtel schnitten, ehe er wieder hingesetzt wurde. "Meine Herren. Dürfte ich...", versuchte er zu beschwichtigen. "Hier sind auch Damen.", giftet ihn eine korpulente Frau an. "Seit doch mal ruhig.", sprach der Ritter dazwischen. "Es sollte jetzt jemand in die nächste Stadt reiten und jemanden von der Stadtwache herholen." "Ja, ich reite gleich los.", erklärte eine Person in zerschlissener Kleidung und einem Gesicht, daß nicht gerade Vertrauens erweckend ist. Er begab sich zur Tür. "Halt. Wer sagt denn, daß nicht er der Mörder ist.", warf Seno laut ein. "Ja, Wir sind es nicht. Er könnte es, wie jeder hier sein.", unterstütze ihn Emelia. "Schweigt, alle beide." "Ihr seit die Mörder." "Ja, wer sonst?" "Ruhe!", rief der Ritter um sich Gehör zu verschaffen. "Gernold, schick deinen Knecht in die Stadt. Sicher ist sicher." "Aber, ich bin schneller als ein Knecht.", erwiderte die Person, die losreiten wollte. "Es bleiben alle hier, ich schicke meinen Knecht.", bestimmte Gernold und ging in den hinteren Bereich des Hauses. "Wieso? Sie sind die Mörder." "Da bin ich mir auch sicher, aber sie behaupten das Gegenteil. Also soll die Stadtwache kommen und entscheiden.", erklärte der Ritter. "Aber das dauert 2 Tage, ich habe einen Termin.", erklärte ein teuer eingekleideter Mann entsetzt.

10

Ein lautes "Was?" weckte Emelia. Sie schlug die Augen auf und sah Seno mitten im Raum stehen. "Morgen" murmelte sie noch etwas verschlafen. Sich aufsetzend fragte sie: "Was hast Du, Seno?" Irgendwie überkam sie ein Gefühl, dass hier etwas nicht stimmte, nur was? Seno drehte sich zu ihr um einen geflüsterten Satz beginnend, aber nicht zu Ende bringend. Sie sah Entsetzen in seinem Gesicht. Sein lautes "Manukis." untermalte diese Szene. Schlagartig war Emelia hellwach. Manukis, der Gott der Toten? Was war hier geschehen? Aufgeregt stand sie auf, um sich selbst ein Bild von der Lage zu machen. Die blutüberströmten Leichen in den anderen vier Betten vermittelten ein deutliches Bild. Ihr Puls wurde schneller. Auf Senos Frage, wie das sein könnte, analysierte sie: "Hm, durchschnittene Kehlen führen normalerweise zum Tode und diese Wunden scheinen mit einem scharfen Gegenstand beigebracht worden zu sein." Sie überlegte kurz, kann es sein, dass sie am Abend so müde gewesen war, dass sie das nicht wahrgenommen hatte, und fragte dann, um sicher zu gehen: "Waren die gestern schon tot?" Senos Antwort, dass mindestens einer von denen gestern noch geschnarcht hat, brachte ihr etwas Ruhe. Doch als sie weiter darüber nachdachte, kam sie darauf, dass diese vier Männer dann wohl in der Nacht hier ermordet worden waren, während sie hier schliefen! Weiterhin auf die Leichen starrend stand sie nur da. Ihr Mund wurde ganz trocken und sie atmete tief ein, bevor sie fragte: "Wieso sind wir nicht tot?" Sie erntete dafür einen entgeisterten Blick von Seno. Auch Senos Mine wurde nachdenklich und besorgt: "Wir..:" begann er, doch er wurde unterbrochen. Sie hörte ein anklagendes "Mörder!" von der Türe her. Dies löste sie aus ihrer Starre und sie wurde sich eines ganz neuen Problems bewusst. Hier standen sie. Zwei Fremde. Vor vier ermordeten Reisenden. "Wir waren das nicht" beeilte sie sich die wenig erfreuliche, aber ziemlich verdächtige Situation zu erklären. Immer mehr Leute strömten in den Raum. Niemand hörte ihr zu. Alle redeten aufgeregt durcheinander. Sie atmete schnellte und versuchte noch zu erklären, aber es war zwecklos. Für diesen Mob waren sie die Schuldigen. Was könnten sie nur tun? Wie konnten sie da wieder heraus kommen? Nicht genug, dass sie in der Nacht hätten getötet werden können, nein nun konnten sie dafür auch noch gehängt werden. Sie wusste nicht was sie nun tun sollte. Darauf waren sie im Orden nicht vorbereitet worden. Über solche Situationen stand nichts in den schlauen Büchern. Widerstandslos ließ sie sich in den Schankraum führen und dort hinsetzen. Verzweifelt hörte sie den aufgebrachten Anklägern zu. Ihr Hirn arbeitete auf Hochtouren. Sie suchte einen friedlichen Ausweg aus ihrer verzweifelten Lage. Glücklicherweise bestimmte der Ritter, den sie am Abend zuvor gesehen hatte, dass hier kein vorschnelles Urteil gesprochen werden soll, sondern die Obrigkeit hinzugezogen würde. Hoffnung keimte in Emelia. Sie sah eine Chance, dass sie vielleicht doch ihre Unschuld beweisen könnten. Und dass sie das irgendwie schaffen würden stand für sie außer Frage, da sie ja nichts getan hatten, außer im gleichen Raum zu schlafen und nicht ermordet zu werden. Vorsichtig setzte sie an: "Können wir nicht..", ehe sie barsch von einer Gestalt in der Menge unterbrochen wurde: "Schweig, Mörderin." Was fällt diesem zerlumpten Bauern ein, so mit ihr zu reden. Zorn stieg in ihr hoch und übermannte sie fast. Wusste der denn nicht, mit wem er hier sprach? Bei Pyrrus, sie hätte ihn hier auf der Stelle braten können. Doch sie wusste, dass sie ruhig bleiben musste. Magier greifen keine unschuldigen Bürger an. Sie durfte ihrem Zorn nicht nachgeben. Außerdem konnte der Bauer wirklich nicht wissen, wer sie war. Sie reiste ja inkognito. So versuchte sie den Mann in ihren Gedanken zu entschuldigen. Von dem, was um sie herum geschah, bekam sie kaum was mit. Als sie bemerkte, dass sie durchsucht wurde, benötigte sie ihre ganze Konzentration, um wenigstens äußerlich ruhig zu bleiben. Innerlich tobte sie. Wehe euch, wenn ihr die mühsam gesammelten Ingredienzien zerstört, oder noch schlimmer, das Siegel auf dem Dokument brecht… Sie konzentrierte sich darauf ganz ruhig ein und auszuatmen, wie sie es gelernt hatte, um sich zu beruhigen. Senos lauter Einwurf: "Halt. Wer sagt denn, dass nicht er der Mörder ist." Holte sie aus ihrer Meditation. Im Gefühl ihn irgendwie unterstützen zu müssen und in der Hoffnung, dass ihnen nun vielleicht jemand zuhörte, äußerte auch Emelia ihre Bedenken: "Ja, wir sind es nicht. Er könnte es, wie jeder hier sein." Sie war erstaunt, wie ruhig und gelassen ihre Stimme klang. Doch wieder redeten alle durcheinander. Sie schenkten ihren Bedenken keinen Glauben. Ein lautes "Ruhe!" beendete das Geplapper. Der Ritter, Emelia erinnerte sich, dass die Schankmaid ihn Herrn Regar genannt hatte, schien ihre Bedenken ernst zu nehmen. Er bestimmte, dass der Wirt seinen Knecht in die Stadt schicken sollte. Einer aus der Menge hatte immer noch Einwände, aber sie hatten den Ritter auf ihrer Seite. Der Wirt verließ den Raum, um den Knecht loszuschicken. Dem nun folgenden Palaver entnahm Emelia enttäuscht, dass auch der Ritter sie beide für schuldig hielt, aber immerhin war er auch der Ansicht, dass die Stadtwache dies entscheiden sollte. Er war also trotz seiner Meinung ein ‚Unparteiischer', und damit wohl ihr einziger Fürsprecher. Ein recht nobel gekleideter Mann bemerkte, dass das zwei Tage dauern würde, und er einen dringlichen Termin hätte. Bisher hatte die junge Magierin diesen anscheinend hohen Herren nicht wahrgenommen. Wahrscheinlich hatte er gestern Abend auf seinem Zimmer gespeist, wie es für einen solchen Herren angemessen war, oder bereits geschlafen, als sie in der Herberge ankamen.
Ihre Aufmerksamkeit wandte sich wieder dem Ritter zu, als dieser sich ihnen zuwandte und bestimmte: "Ihr dürft euch im Haus frei bewegen, eure Sachen werde ich für euch aufbewahren, die Nacht werdet ihr in ein Zimmer eingesperrt verbringen müssen." Emelia war sich fast sicher, dass er ihre Sachen durchsuchen würde, aber zumindest würde es der Ritter tun, und nicht einer der unvorsichtigen Bauern. Ein Schreck durchfuhr sie. Würde er beim Durchsehen der Sachen sie als Magierin entlarven können? Und wenn ja, würde er sie verraten? Was hielt dieser Ritter wohl von Magiern? Besorgt sah sie ihn an. "Wir werden bis zur Aufklärung dieses Mordes bleiben.", willigte sie ein. Was blieb ihnen auch anderes übrig, dachte sie bei sich. Auch Seno stimmte dem zu. Der Ritter ergriff wieder das Wort: "Die anderen Gäste möchte ich bitten, bis zum Eintreffen der Stadtwache zu bleiben, um als Zeugen auszusagen. Außerdem benötige ich Unterstützung, damit die Mörder nicht fliehen können." Uns zugewandt fügte er hinzu: "Ihr Wort in allen Ehren, jedoch werden Sie verstehen, dass ich hier kein Risiko eingehen will." Diese Entscheidung wurde mit einem Murren im Raume aufgenommen. Einwände wurden laut. "Ich habe doch gar nichts gesehen." "Ich habe einen wichtigen Termin, sie können mich ja später in der Stadt befragen." "Warum befragen Sie uns nicht gleich? Dann könnten wir heute noch weiterreisen." Der Wirt war in der Zwischenzeit zurück gekommen: "Mein Knecht ist unterwegs." Der edle Herr trat an die Seite des Ritters und unterstützte ihn: "Wir sollten vielleicht schon mit den Ermittlungen beginnen. Dann können wir den beiden vielleicht den Mord schon eher beweisen und morgen schon wieder abreisen." Überrascht von der Unterstützung nahm der Ritter die Idee auf und beschloss, die Ermittlungen selbst schon zu starten. Was sie hier herausfänden, könnte ja von der Stadtwache nochmals überprüft werden. "Dann beginnen wir mal damit, herauszufinden, wen wir hier haben.", fragte er sie nach ihren Namen. "Seno Baumheiler. Ich bin Jäger.", antwortete Seno umgehend. "Mein Name ist Emelia. Ich bringe eine Botschaft nach Ametar.", antwortete Emelia wahrheitsgemäß, aber ohne sich als Feuermagierin zu erkennen zu geben. Aus jenem Grund verschwieg sie auch ihren Nachnamen. Einer der reicheren Herren könnte sie sonst zu leicht mit ihrer Mutter in Verbindung bringen, die in Ergotar eine recht bekannte Feuermagierin war. Zu ihrer Erleichterung schien diese Auskunft dem Ritter zu genügen. Einfache Boten hatten nicht immer einen Nachnamen. Familiennamen waren erst ab einem gewissen Stand in der Gesellschaft von Bedeutung. Ein besserer Bote, zum Beispiel, konnte Wert auf seine Herkunft legen und den Familiennamen nennen, ein einfacher Bote musste dies jedoch nicht. "Dann sehen wir uns mal den Tatort an." Mit diesen Worten ging der Ritter die Treppe hoch und zu dem Zimmer. Zügig folgte ihm der Edle. Emelia warf Seno einen Blick zu. Der nickte ihr zu. Am Besten folgten sie zum Tatort. Das dachten wohl auch die anderen und so bewegte sich die ganze Meute hinauf zum Zimmer. Emelia musste sich beeilen, um vor der Meute beim Zimmer anzukommen. Seno hatte damit anscheinend nicht so große Probleme. Oben angelangt brachte der Ritter erstmal Ordnung und Ruhe in die Meute. "Halt! Es können nicht alle den Raum betreten." Wenige ließ er hinein. Zum Glück waren sie und Seno auch unter den Auserwählten. Was dabei wohl in seiner Intention lag? Nach welchen Kriterien er wohl ausgesucht hatte? Der Edle bot sich an, die Leichen zu durchsuchen. Der Ritter ließ ihn gewähren, wohl, um selbst den Überblick behalten zu können, vermutete Emelia. "Kennt jemand die Opfer?" fragte Herr Regar in die Runde. Der im Raum anwesende Wirt antwortete: "Die vier Herren sind gestern am späten Nachmittag hier angekommen, haben gefragt, ob sie ihren Wagen in die Scheune stellen können und dann etwas gegessen. Sie haben im Voraus gezahlt. Ihre Namen nannten sie nicht. Da sie großzügig gezahlt hatten, habe ich auch nicht nachgefragt." Der Edle hatte in der Zwischenzeit die vier Leichen durchsucht. "Es scheinen gewöhnliche Händler zu sein.", meinte er und legte das, was er bei ihnen gefunden hatte, auf den Tisch in der Zimmermitte. "Vier Geldbörsen, ein Medallion, eine Kette, handgeschriebene Listen, ein paar kleine Beutel", zählte der Edle auf, machte eine kleine Pause und sagte dann: "Nichts besonderes." Auch sonst kannte keiner der Anwesenden die Opfer. "Was habt ihr dazu zu sagen?", wandte sich der Ritter an Seno und sie. "Als wir gestern Abend ins Zimmer gekommen sind, haben zwei bereits geschlafen. Die anderen beiden müssen erst aufs Zimmer gekommen sein, als wir bereits geschlafen haben." "So so." war der einzige Kommentar des Ritters. Aber immerhin hatte man sie diesmal ausreden lassen.

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Der Ritter erlaubte Ihnen sich im Haus frei zu bewegen. Gut, so waren sie zumindest nicht ganz zur Untätigkeit verdammt. Seno schaute sich die Gäste der Herberge an. Viel wollten abreisen, doch der Ritter, irgendwann mußte Seno ihn mal nach seinem Namen fragen, verweigerte ihnen das. Autorität gewohnt, bestimmte dieser, daß alle bis zum Eintreffen der Stadtwache hier blieben. Ein Grund war zwar, daß die beiden vermutlichen Mörder zu bewachen sind, aber damit konnte Seno leben. Hauptsache nicht eingesperrt sein, so was konnte er nicht ausstehen. Da trat der Wirt in den Schankraum und verkündete, daß sein Knecht unterwegs sei. Daraufhin schlug der edel Gekleidete vor mit den Untersuchungen zu beginnen "Ja, ihr habt recht. Wir werden den Mord untersuchen um Beweise für den oder die Mörder zu finden. Die Stadtwache kann dann ja gerne noch einmal alles überprüfen, wenn ihnen danach ist." Dann fing der Ritter an. Zuerst erkundigte er sich nach den Namen der vermuteten Mörder. Seno nannte sofort seinen Namen und auch Emelia antwortete wahrheitsgemäß. "Und wie ist Euer Name?", warf Seno dazwischen. "Mein Name lautet Regar." Emelia zunickend, folgten Seno und Emelia dem Ritter, welcher nun den Tatort untersuchen wollte. Im Schlafraum, wo noch immer die Leichen lagen, untersuche ein Gast, ein edel gekleideter Mann, die Toten. Er fand nichts Ungewöhnliches. Seno stimmte dem zu, sie trugen nix besonders bei sich, hatten Normale Straßenkleidung nebst Wamse an. Anschließend befragte Herr Regar, ob irgendwer die 4 Leute kenne, doch dies tat keiner. Danach mußte Seno noch einmal kurz den Hergang des Vorabends beschreiben. Da man dort nichts mehr tun konnte, gingen alle Anwesenden wieder runter in den Schankraum. "Die erste Runde geht auf mich."; sprach sogleich der Wirt, wohl um seine Gäste bei Laune zu halten. Emelia und Seno setzten sich etwas abseits an einen Tisch, fern der Tür um keinen falschen Gedanken aufkommen zu lassen und redeten zusammen. Bei der Hausrunde gingen sie allerdings leer aus. "Die Sache sieht nicht gut aus.", bemerkte Seno zu Emelia, gerade so laut, um nicht zu flüstern, aber gleichwohl so leise, daß sie keiner hören konnte. "Wie können wir nur unsere Unschuld beweisen?" "Ich weis es nicht. Irgendwie war es schon alles seltsam." "Ja. Wieso bist du nicht aufgewacht?" "Gute Frage. Ich habe noch einmal drüber nachgedacht. Ich habe die 2 doch reinkommen hören, fand es aber nichts Besonderes und schlief sofort wieder ein. Nur, warum wachte ich nicht auf, als die Morde geschahen?" "Das fragte ich doch. Hat man uns eventuell ein Schlafmittel gegeben? Aber dann wäre die Wirtin ( -<- die Wirtin brachte die Getränke) mitschuldig, denn keiner war in unserer Nähe." "Möglich, aber unwahrscheinlich. Und selbst wenn. Wie sollen wir dies beweisen?" "Ich weis es nicht." Sie redeten noch lange, ohne wirklich auf eine Lösung zu kommen. Während der Stunden bemerkten beide, wie immer wieder ein paar Gäste abreisen wollten. Vor allem der Mann mit der zerschlissenen Kleidung versuchte andauernd beim Ritter die Erlaubnis zu bekommen ab zu reisen. "Ist dir dieser Mann schon aufgefallen?", fragte Seno Emelia, als wieder dieser Mann abreisen wollte und zeigte auf ihn. "Ja. Versucht dauernd ab zu reisen. Würde mich nicht wundern, wenn er irgendwann klammheimlich verschwindet." "Könnte passieren. Er benimmt sich schon recht merkwürdig." "Können wir was tun?" "Außer ihn im Auge zu behalten? Ich denke nicht." Emelia dachte nach. "Mit was sind die 4 eigentlich angereist?" "Ich weis es nicht. Ist es wichtig?" Doch Emelia wandte sich schon an den Ritter, welcher sich mit ein paar Herren unterhielt. "Herr Regar, mit was sind die 4 Toten den hier?" Der Ritter sah sie verwundert an. "Na, wurden..", setzte Emelia an. "Na Klar, die sind mit einem Wagen gekommen. Zusammen!", sprach der Wirt dazwischen und Augenblicke später stürmten der Wirt, Der Ritter und ein paar Leute nach draußen. Seno und Emelia wollten hinterher. "Nein! Bewacht sie, last sie nicht raus."; befahl der Ritter noch kurz, eher aus dem Haus verschwand.
"Und, habt ihr was gefunden?", fragte Seno neugierig die reinkommenden Leute. "Schweig, Mörder." "Ich sagte doch schon, daß wir keine Mörder sind.", mehrere lachten Seno aus. Der Ritter war aber ernst ein: "Die 4 waren hier mit einem Wagen voller Stoffe mit denen sie handeln." Seno wirkte entgeistert. "..aber unter der obersten Schicht befand sich nur Stroh, es war also nur eine Tarnung." "Gut.", freute sich Seno. "Und was bringt uns das?", fragte Emelia. "Weis ich noch nicht, aber immerhin wissen wir nun, daß es einen Grund gab, sie zu töten. Es war kein Zufall." Wieder lachten mehrere. Seno und Emelia zogen sich wieder zurück. "Ich meine ja nur, immerhin etwas.", sprach der Jäger sauer. "Du hast ja recht, aber ehrlich gesagt weiß ich auch nicht, was uns dies weiter bringen soll." "Ich ja auch nicht."; gab Seno resigniert zu. Die beiden Verdächtigen redeten weiter zusammen, versuchten aus den wenigen Fakten eine Lösung zu finden.
"Eigentlich würde ich ein Treffen mit der Stadtwache vermeiden.", sprach Seno schmatzend, sein Abendessen runterschlingend. Emelia dachte kurz nach, den Biß im Mund runterschluckend. "Ich auch. Aber es wird sich wohl nicht vermeiden lassen. Außerdem, wir können immer noch nicht unsere Unschuld beweisen." "Tja. Wir haben ja noch einen Tag." Seno trank sein Met in großen Schlücken.

12

Der Ritter erklärte die Tatortbesichtigung für beendet und alle gingen wieder in den Schankraum. Nachdenklich trottete Emelia hinter Seno her in den Schankraum zurück. Ihre Situation war nicht die beste. Die Tatortbesichtigung hatte sie auch nicht weitergebracht. Unten angekommen hörte sie, dass der Wirt eine Runde ausgeben wollte. Seno wählte einen Tisch abseits der Tür, Emelia folgte ihm. Leise unterhielten sie sich über ihre Situation. Seno beurteile die Lage als ‚nicht gut', Emelia fügte in Gedanken ‚verzweifelt' und ‚aussichtslos' hinzu, sagte dies aber nicht. Stattdessen fragte sie, wie sie ihre Unschuld beweisen könnten. Das schien ihr produktiver zu sein, als Verzweifelung zu streuen. Je länger sie darüber nachdachte, desto verwirrender war alles. Als Seno meinte: "Ich weis es nicht. Irgendwie war es schon alles seltsam.", fiel ihr etwas ein. Seno war doch ein Jäger, mit leichtem Schlaf, und so fragte sie ihn: "Ja. Wieso bist Du nicht aufgewacht?" Daraufhin erinnerte sich Seno, dass er kurz aufgewacht war, als die zwei Händler ins Zimmer gekommen waren. Da zu dem Zeitpunkt nichts Besonderes geschah, war er wieder eingeschlafen, konnte aber auch nicht sagen, warum er den Mord verschlafen hatte. Emelia spekulierte drauflos und überlegte, ob sie Schlafmittel bekommen hatten, woraus sich folgern ließe, dass die Wirtin daran beteiligt gewesen wäre, da sonst keiner in ihrer Nähe war. Sie war es auch gewesen, die ihnen Essen und Trinken zubereitet und gebracht hatte. Seno hielt dies für eher unwahrscheinlich und kaum beweisbar, wobei ihm Emelia zustimmen musste. Sie kamen einfach nicht weiter. Emelia fröstelte etwas. Wie hatte es geschehen können, dass jemand ins Zimmer gekommen war, vier Männer getötet hatte und sie nicht einmal dabei geweckt hatte. Seno machte sie auf die zerschlissene Gestalt aufmerksam, die immer wieder abreisen wollte, noch öfter als die anderen Gäste. Emelias Meinung nach, sah der so aus, als würde der irgendwann klammheimlich verschwinden. Aber sie waren sich einig, dass sie ihn in ihrer Situation kaum daran hindern könnten. Sie grübelte weiter, warum die vier sterben mussten und sonst niemand. Anscheinend war der Mörder fähig genug gewesen, um auswählen zu können. Warum hat er also diese vier ausgewählt? Laut fragte sie: "Mit was sind die vier eigentlich angereist?" Vielleicht gab es irgendeine Verbindung zwischen den vieren. Was unterschied diese vier von allen anderen Anwesenden? Seno antwortete irgendwas, doch Emelia wandte sich bereits an den Ritter: "Herr Regar, mit was sind die vier Toten denn hier?" Sie erntete dafür einen verwunderten Blick. Ihren nächsten Satz unterbrach der Wirt mit der Feststellung, dass die vier gemeinsam mit einem Wagen angereist seien. Die meisten Anwesenden gingen schnell nach draußen, um sich den Wagen anzusehen. Als Seno und Emelia folgen wollten, wurden sie zurückgehalten. Auf Befehl des Ritters durften sie das Haus nicht verlassen. Zwei der Bauern blieben zur Bewachung im Schankraum. In einem Wagen waren die vier also gereist. Kannten sie einander? Gehörten sie zusammen? Kannten sie ihren Mörder? Was war in dem Wagen? So viele Fragen und keine Antworten. Emelia hielt es vor Neugier kaum aus. Es schien ihr eine halbe Ewigkeit zu vergangen zu sein, bis die anderen wiederkamen. Sie fror leicht. Kaum betraten die anderen Gäste und der Ritter den Schankraum, fragte Seno, der wohl ebenso wie sie darauf brannte, nach Neuigkeiten. Er erhielt eine feindselige Antwort und Gelächter. Nur der Ritter berichtete: "Die vier waren hier mit einem Wagen voller Stoffe, mit denen sie handelten, aber unter der obersten Schicht befand sich nur Stroh. Es war also eine Tarnung." Seno freute sich darüber, was Emelia überhaupt nicht nachvollziehen konnte. Diese ganze Geschichte wurde immer verworrener. Sie bekam eine Gänsehaut. Langsam schien auch Seno zu resignieren. Fröstelnd ging Emelia zur Theke herüber und bat den Wirt nach einem heißen Getränk, das schön wärmt. Er sah ihr wohl an, wie sehr sie fror, und empfahl ihr einen so genannten ‚Geschossenen'. Auf ihre Nachfrage erklärte er ihr mit einem Lächeln, dass das ein heißer Crombeerensaft sei. Zaghaft probierte sie. Das Getränk war wirklich heiß und wohlschmeckend. Zudem schmeckte sie süß und fruchtig. Emelia empfand das als eine gelungene Mischung. Mit einem großen dampfenden Becher kehrte sie zum Tisch zurück. Die beiden Verdächtigten versuchten die Fakten zu ordnen, aber es wollte sich einfach kein Bild daraus ergeben. Es erschien Emelia etwas unheimlich zu sein. Sie umfasste den wärmenden Becher mit beiden Händen. Ein Mörder, der sich frei durchs Haus bewegt hatte, war in ihrem Zimmer gewesen und hatte vier Männer im Schlaf getötet, ohne Seno dabei zu wecken. Er war genauso still verschwunden, wie er gekommen war. Sie nahm einen tiefen Schluck des warmen Getränks. Seno fügte hinzu, dass die vier reisenden Händler, die Opfer, einander anscheinend kannten und selbst sehr fragwürdig waren. Aufgrund der Ladung ihres Wagens schienen die vier irgendwelche Leute gewesen zu sein, die aus ihnen unbekannten Gründen vorgaben, Händler zu sein. Dann war da noch diese verdächtig aussehende Gestalt, die andauernd abreisen wollte, was anscheinend nicht den anderen Gästen, ja nicht einmal dem Ritter, auch nur etwas verdächtig vorkam. Alle schienen beschlossen zu haben, dass Seno und Emelia die Mörder wären. Überrascht stellte Emelia fest, dass ihr Becher leer war. Ihr war nicht mehr ganz so kalt. Der Saft hielt also, was er versprochen hatte. Daher bestellte sie einen weiteren Crombeerensaft. Auf die Frage des Wirtes, ob sie etwas essen möchten, bestellte sie auch gleich Essen für Seno und sich. Während des Essens gestand Seno, dass er ein Treffen mit der Stadtwache lieber vermeiden würde. Davon überrascht hätte sich Emelia fast an einem Bissen Fleisch verschluckt. Hat Seno etwa etwas zu verbergen? Viele Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Ihre Situation war wirklich verzweifelt. Nicht nur, dass sie des vierfachen Mordes verdächtigt wurden, wenn die Wache ihre Taschen durchsuchen würden, würden sie genügend Hinweise finden können, dass sie eine Magierin ist. Und dann hätte sie noch umso mehr zu erklären. Sie müsste sich nicht nur vor der Stadtwache rechtfertigen, sondern dann auch, wenn die Wache den Vorfall meldete, auch dem Ältestenrat ihres Ordens. Wenn sie hier schuldig gesprochen würde, würde sich vielleicht sogar dem Erzkanzler zu Ohren kommen. Sie schluckte und stimmte Seno zu. Es wäre besser nicht mit der Stadtwache reden zu müssen, jedoch sah sie keine Möglichkeit, dies zu vermeiden. Zudem konnten sie ihre Unschuld noch nicht beweisen. Emelia verzweifelte fast. Sie nahm wieder einen tiefen Schluck. Wenigstens der Saft wärmte sie. Tröstend meinte Seno, dass sie ja noch einen Tag Zeit hätten. Auch er trank in großen Schlücken.
Emelia fand es etwas befremdlich, dass Seno in dieser Situation Met trank. Es war doch bekannt, dass Alkohol die Sinne benebelt und gefährlich ist. In ihrer Situation mussten sie auf alles gefasst sein und ständig alle Sinne geschärft haben. Wer konnte schon sagen, was ihnen hier noch alles widerfahren würde. Er sah sie mit einem seltsamen Blick an, den sie nicht so recht zu deuten wusste. Schließlich sprach sie ihre Bedenken offen aus: "Findest Du es nicht etwas unvorsichtig, in unserer Situation Alkohol zu trinken? Noch dazu so zügig?" Nun musste Seno grinsen: "Sag bloß, Du weißt nicht, was Du da trinkst?" Verwirrt wusste sie nur: "Wieso?", zu fragen. "Ich trinke Crombeerensaft." ", der einen nicht unbeträchtlichen Anteil Alkohol enthält." ergänzte Seno. "Darum nennt man ihn auch Geschossenen." Mit großen Augen sah Emelia nun Seno an. Das musste sie erstmal verdauen. Dem Wirt, der grinsend hinter der Theke stand, warf sie unbewusst kurz einen hitzigen Blick zu. Er schien etwas ins Schwitzen zu kommen. Im Laufe des Nachmittags bereits hatte sie damit also eine ganze Menge Alkohol getrunken. Sie horchte in sich hinein, ob sie schon irgendwelche schädlichen Auswirkungen spürte. Eigentlich nicht, sie fühlte sich ausgesprochen gut. Aber ihr Mentor hatte sie immer vor den Auswirkungen von Alkohol gewarnt. Hatte er etwa genauso übertrieben, wie die Bücher, die sie hinter jedem Baum ein Untier vermuten ließen? Vielleicht war die Welt gar nicht so schlimm, wie sie sie sich immer vorgestellt hatte. Hatte sie Seno etwa die ganze Zeit angestarrt? Sie setzte ein tapferes Lächeln auf und nahm sich vor, die Welt zu erforschen und mit dem Mysterium des Alkohols wollte sie heute Abend beginnen. "Ein wenig Alkohol kann manchmal ganz entspannend wirken." brach der Jäger die Stille. "Ja, vielleicht hast Du Recht." erwiderte die neugierig gewordene Pyromantin den Becher hebend: "Wir sollten uns etwas entspannen. Auf dass wir den Mörder finden.", prostete sie ihm zu. Er erwiderte ihren Toast. Gemütlich aßen und tranken sie weiter, während sie sich die Fakten nochmals durch den Kopf gingen ließen. Neugierig trank Emelia noch einen weiteren Becher Saft. Immer wieder überprüfte sie, ob sie schon irgendwas spürte. Sie fühlte sich großartig. Etwas später am Abend eröffnete ihnen Herr Regar, dass sie die Nacht über in einem anderen Zimmer verbringen werden, welches zudem sicherheitshalber abgesperrt sein würde. Als Seno das hörte, sah er nicht besonders glücklich aus. Verständlicherweise ließ sich der Ritter davon nicht abbringen, aber es war den Versuch wert gewesen. Emelia warf dem unglücklich wirkenden Jäger ein aufmunterndes Lächeln zu: "Komm schon, ich habe die Nächte im Wald auch überlebt, da wird Dich eine Nacht mehr in einem Zimmer auch nicht umbringen, auch nicht, wenn es verschlossen ist." Sie grinste breit: "Zumindest nicht, solange das Stadtkind bei Dir ist." Sie lachte. Jetzt musste auch Seno etwas lächeln. Sie tranken noch etwas, bevor sie Herr Regar schließlich in ein kleines Eckzimmer brachte und dort einschloss. Dieses Zimmer war um einiges kleiner als das letzte. Ein Bett stand rechts von der Türe in der Ecke eines links. In der rechten hinteren Ecke war ein kleiner Kamin, in dem ein kleines Feuer brannte. Links daneben an der Außenwand stand ein kleiner Tisch mit einem Stuhl. Ein weiterer Stuhl befand sich vor dem Kamin. In der linken hinteren Ecke stand ein Schrank. Ein Fenster war vor diesem Schrank in der linken Wand eingelassen. Eine kleine Lampe auf dem Tisch beleuchtete die Szene. Emelia seufzte, immerhin würde sie in einem Bett und mit einem Dach über dem Kopf schlafen. Ein Blick zu Seno verriet ihr, dass er überhaupt nicht begeistert davon war. "Das Zimmer ist ja wie für uns gemacht.", witzelte sie, um ihn aufzuheitern: "Ein Bett am Kamin für mich und eines am Fenster für Dich." "Wir sollten jetzt etwas schlafen.", meinte Seno, wohl, wie Emelia vermutete, in der Hoffnung, dass er morgens auch früher raus gelassen werden würde, wenn er früher aufstand. Müde stimmte sie ihm zu. Heute konnten sie sowieso nichts mehr tun. Als sie sich aufs Bett niederließ, wurde ihr etwas schwindelig. Sie schaute zur Lampe auf dem Tisch, die Seno bereits gelöscht hatte, da der Kamin genügend Licht bot, und musste feststellen, dass sie ihre Augen nicht richtig auf die Lampe fokussieren konnte. Auch der Stuhl blieb leicht verschwommen. Sie konnte sich einfach nicht richtig konzentrieren, beruhigte sie sich selbst und schob es einfach auf ihre Müdigkeit. So legte sie sich hin und war bald eingeschlafen. Der Saft wärmte sie immer noch. Als sie erwachte war es dunkel und kalt. Vom Feuer im Kamin war nur noch etwas Glut übrig. Sie zitterte. Regentropfen prasselten gegen das Fenster. Sie sah zu Seno herüber. Im schwachen Lichtschein der Glut sah sie, dass er noch schlief. Von innen wärmte sie zwar immer noch der Crombeerensaft, doch die Kälte von außen war übermächtig. Es war eiskalt im Zimmer. Der Stuhl zwischen ihrem Bett und dem Kamin stand dort genau passend, überlegte sie bei sich. Den sollte sie ohne aufstehen zu müssen mit einem kleinen Feuerball direkt in den Kamin befördern können. Gedacht getan. Schon saß sie aufrecht im Bett, ein paar Worte murmelnd und mit den Händen einen kleinen Ball formend. Es fühlte sich gut an. Sie merkte, wie sich die Luft zwischen ihren Händen langsam erhitzte, bis sie schließlich einen kleinen Feuerball erschuf. Das alles ging sehr leise von statten. Sie wollte den Ball gerade in Richtung Stuhl werfen, als sie erschreckt feststellen musste, dass er noch immer wuchs. Der Feuerball schien ein rebellisches Eigenleben entwickelt zu haben. Er wurde größer und größer. Sie versuchte sich zu konzentrieren und ihn wieder einzudämmen. Vergeblich. Verzweifelt sah sie sich um. Wohin nur damit? Für den Stuhl und den Kamin war er mittlerweile zu groß geworden und je länger sie wartete, desto schlimmer wurde die Situation. Er ließ sich beim besten Willen nicht eindämmen und wurde auch immer schwerer zu halten. Ihr Blick fiel auf das Fenster. Es war zwar verschlossen, aber ihre einzige Chance. Der Regen draußen würde den Ball schon löschen, bevor er großen Schaden anrichten konnte, hoffte sie. ‚Pyrrus, sei mit mir.', dachte sie und versuchte den unruhigen Feuerball durch das Fenster zu schleudern. Er schoss mit lautem Fauchen quer durch das Zimmer und landete krachend im Schrank neben dem Fenster. Verflucht! Binnen Sekunden stand der Schrank in Flammen.

13

Seno hielt sein Lachen zurück und grinste stattdessen Emelia nur an, als sie sich um sein Bierkonsum Sorgen machte. Der Beschwipsten erklärte er was sie da trank, da sie anscheinend keine Ahnung hatte. Schon seltsam, daß einer das Getränk nicht kennt, und dann auch noch so schnell davon betrunken wird. Manchmal wirkte Emelia ja doch weltfremd und das als Stadtmensch. Seno war im Gegensatz zu ihr nur leicht angetrunken. Den Abend über tranken sie weiter. Amüsiert sah Seno zu, wie Emelia immer betrunkener wurde. Wie sie morgen früh ihren Kater wohl finden wird? Wie die Kinder wurden sie schließlich ins Bett gebracht. Natürlich in ein separates Zimmer. Seno gefiel es nicht, es war so klein, so stickig. Aber Emelia fand trotz des Alkohols ein paar tröstende Worte. Dennoch, Seno wollte nur noch ins Bett. Mittlerweile war er auch betrunken und so brachte es nichts mehr wach zu bleiben. Sie legten sich beide hin und Seno schlief alsbald ein.
"FEUER!", hallte es in Senos Kopf. Er sprang sofort aus dem Bett, mußte sich aber erstmal wieder setzen, da ihm schwindlig wurde. Eindeutig zu früh wach nach dem Alkoholgenuß. Der Schrank stand lichterloh in Flammen. Wie konnte das passiert sein? Er stellte sich erneut hin und schaute sich um. Öllampe stand auf dem Tisch, Kamin war erloschen. Beides waren, genauso wie die panische Emelia, zu weit vom Feuer weg, um eine Verbindung zu sehen. Da hörte er schon den Schlüssel im Schloß. Da hatte wohl jemand den Hilferuf vernommen. Kurz entschlossen warf er die Öllampe an den Schrank, ehe die Tür aufflog. "Hey, wieso?", stammelte Emelia verwirrt. Gleichzeitig fanden die Flammen dankbar die neue Nahrung und verbreiteten sich blitzartig. "WASSER. Bringt doch endlich Wasser!", rief da Seno, Emelia, die wieder was sagen wollte, das Wort abschneidend. Es war das Ehepaar, Seno meinte sich zu erinnern, daß sie Alterma oder ähnlich hießen, die nun im Zimmer standen und das Feuer anstarrten. "WASSER!", rief Seno erneut und endlich reagierte das Ehepaar. Zum Glück waren die Wände aus rauhem Stein. So hatten sie etwas Zeit, trotz Senos Ölbeigabe, Er öffnete erst einmal die Fensterläden (schade, daß die Gitter nicht zu öffnen waren), da der Rauch im Zimmer ihn schon zum Husten brachte. "Wieso hast du...?", fragte ihn die langsam nüchtern werdende Emelia "Mir ist die Lampe runter gefallen und jetzt brauchen wir Wasser." Emelia starrte ihn an, dann plötzlich drehte sie um und lief los. Seno konnte sie noch so eben an der Schulter erwischen. "Nicht wir. Solange es geht, bleiben wir hier im Raum." "Wieso?" Aber da kamen schon die ersten Männer mit Bottichen voll Wasser. "Das zahlt ihr mir!", fluchte der Wirt als letztendlich das Feuer gelöscht werden konnte. "Die wollten fliehen." "Es sind die Mörder. Jetzt haben sie sich verraten." "Ja. Nun hängen wir sie." "Mörder!" "Häng.." "Ruhe.", wieder war es der Ritter, welcher die Menge beruhigte. Kurz dachte Seno, daß eventuell der Ritter der Mörder ist, verwarf die Idee aber sofort, denn dann hätte er die Anderen sie lynchen lassen. Herr Regar besah sich den Raum. "Was ist passiert?" "Seno hat die Lampe fallen lassen.", erklärte Emelia mit einem verwirrten Gesichtsausdruck. Seno zuckte zusammen, dann beeilte er sich zu sagen: "Ja, wie Emelia schon sagte. Ich bin schuld. Ich habe den Kamin wieder anzünden wollen. Aber leider bin ich gestolpert und die Öllampe ist neben dem Schrank auf den Boden gefallen." Dabei weiß er auf die ausgebrannte Öllampe und den Scherben dicht neben dem Schrank. Der Ritter sah hin und sprach: "Ich denke, es ist besser, wenn wir Euch fesseln." "Den Schaden bezahlen sie aber." "Darum kümmern wir uns morgen." "Bring einer mal ein paar Taue." Zu Senos Leidwesen waren Seile schnell gefunden. Der Ritter selber fing an sie zu fesseln. "Hier im Raum?", fragte ein zusehender Mann, einer der Gäste. "Ja, ist ja noch einigermaßen in Ordnung. Mit dem Rauch müssen sie leben. Noch ein Zimmer gebe ich ihnen nicht zum Zerstören.", erklärte der Wirt, nicht ohne eine gewisse Befriedigung. "Last mich mal kurz alleine mit ihnen und gebt mir meinen Beutel rein.", verlangte Herr Regar, als er die beiden Mörder auf ihren Betten gefesselt hatte, Seno wurde nervös, noch mehr, als die Qual des gefesselt werden eh schon mit sich brachte. "Ihr seit ein seltsames Pärchen. Ich kann Euch nicht ganz zuordnen.", fing der Ritter an. Sowohl Emelia, als auch Seno wollten sich erklären, doch sie wurden mit einem Handstreich zur Ruhe befohlen. "Zuerst fiel mir dieses Buch auf, daß Seno bei sich hatte. Ein Buch ist teuer und selten bei einem Jäger zu finden. Dann ist dieses Buch auch noch in einer Sprache geschrieben, die ich nicht lesen kann." "Das soll ich gegen Geld transportieren." "Wohl eher geklaut.", meinte der Ritter verächtlich. "Du dagegen,", mit diesen Worten wand er sich an Emelia, "bist eine Magierin und sagst es nicht." Emelia zuckte entsetzt zusammen. "Als ich deine Sachen durchsuchte, wußte ich, du konntest nur ne Hexe oder eine Magierin sein. Für eine Hexe bist du zu jung und hübsch." Wieder würgte er mit einer Handbewegung Emelia ab. "Ich hab es zuerst für mich behalten. Ihr wart ja auch folgsam. Aber dann dieses Feuer. Mit Öllampe zündet ein Jäger aus versehen einen Schrank an. Soll ich Euch sagen, was ich glaube?" Der Ritter sah sie an, wartete aber keine Antwort ab. "Ihr hattet Streit. Ich weis nicht warum. Eventuell wegen dem Mord den ihr begangen habt. Du, Magierin, wolltest sicher dem Jäger eine Lektion erteilen. Der aber war recht flink und konnte dich angreifen, ehe dein Feuer losging. Dadurch trafst du nicht ihn, sondern den Schrank." Sowohl Seno als auch Emelia starrten den Ritter entgeistert an. "Wust ich es doch, ich hatte recht. Tut mir einen Gefallen und legt Eure Streitigkeiten ab. Morgen ist die Stadtwache da und dann wird sich alles klären. Na, wenn ich Recht habe, erwartet Euch das Henkerbeil, aber ihr sagt ja, ihr seid unschuldig. ..Wie auch immer. Ich gebe Euch eure Sachen zurück, morgen früh, wenn ich Euch losbinde, steckt sie wieder ein. Sie sind ungefährlich, außer ich lasse Emelia eine lange Zeit mit ihren Sachen alleine." Herr Regar stand auf und ging zur Tür. Klopfte und man ließ ihn raus. Beim Rausgehen drehte er sich noch einmal um. "Eure Waffen sind natürlich nicht im Beutel." Aber das war den Gefesselten längst klar. Als sie wieder eingeschlossen waren, dauerte es eine Weile, ehe einer was sagte. "Und ich hab es erst heute Nacht erfahren, dabei gab es doch genug Hinweise." "Mir war kalt.", erwiderte Emelia barsch. Seno mußte sich arg zusammenreißen, um nicht laut los zu lachen. Emelia war wohl doch nicht nüchtern. Na das konnte ja am nächsten Morgen lustig werden, wenn sie über ihr Geheimnis reden. Schon erklang leichtes Schnarchen vom anderen Bett. Aber Seno blieb noch eine ganze Weile wach. Mag es zum Teil wegen der unbequemen Lage sein, als auch die Gedanken, wie eine Flucht klappen könnte.

14

Was sollte sie nur tun? Da saßen sie nun in einem verschlossenen Zimmer und neben dem einzigen Fenster stand ein nun brennender Schrank. Konnte ihre Lage überhaupt noch schlimmer werden? "FEUER!" Wenigstens war Seno nun wach. Vielleicht wusste er, was nun zu tun war. Sie starrte den Schrank an. Die Flammen sahen durchaus hübsch aus. Was dachte sie da nur? Emelia begann zu ahnen, wovor ihr Mentor immer gewarnt hatte. Wie hatte sie nur so leichtsinnig sein können, so unnötig zu zaubern? Als sie sah, wie Seno die Öllampe nahm und gegen den Schrank warf, fiel ihr nichts anderes ein als "Hey, wieso?" Wollte er etwa Feuer mit Öl löschen? Grandiose Idee, nun brannte der Schrank noch besser. Er ließ sie nicht weiter zu Wort kommen, sondern verlangte laut nach Wasser. Das hätte er besser gleich nehmen sollen. Unvermittelt standen die Altmanns im Raum und bewunderten das Schrankfeuer, bis Seno sie mit seinen beharrlichen "WASSER" Rufen aus ihrer Starre erweckte. Sie entschwanden nach draußen. Die Wände waren aus Stein, so hatten sie etwas Zeit. Stein brannte nicht so schnell. Das erinnerte sie an ihr Zimmer im Orden. Die Wände waren auch aus verrußtem Stein gewesen. Senos Husten brachte ihre Gedanken ins ‚hier und jetzt' zurück. "Wieso hast Du…?, begann sie, doch der Jäger unterbrach sie: "Mir ist die Lampe runter gefallen und jetzt brauchen wir Wasser." Was erzählte er da? Er brachte ihre Gedanken nun vollend durcheinander. Runter gefallen? Geworfen. Dein Feuer? Mein Feuer. Was will er? Wasser? Der Schrank brennt noch. Wasser? Ach ja, löschen! Sie lief los. Sie wusste zwar nicht wohin, oder woher sie Wasser bekäme, aber das war ein Ziel. Eine Hand auf ihrer Schulter hielt sie zurück. Sie drehte sich um und sah Seno: "Nicht wir. Solange es geht, bleiben wir hier im Raum." Durch ihre Verwirrung einsilbig geworden beschränkte sie sich auf ein einfaches: "Wieso?" Sie erhielt keine Antwort, stattdessen liefen Männer mit Bottichen an ihr vorbei. Laut fluchend kam auch der Wirt herein. Verwirrt und wie unbeteiligt setzte sie sich wieder auf ihr Bett und sah dem Löschen zu. Waren das die fatalen Auswirkungen von Alkohol vor denen stets gewarnt wurde? Es war wirklich fatal, was ihr hier geschehen war. Sie konnte kaum noch geradeaus denken, hatte einen Schrank entzündet und dabei nur Glück gehabt, dass nicht mehr passiert war. Im Hintergrundgeräusch vernahm sie "Mörder", hörte aber nicht weiter hin. Vielleicht hatte sie dies alles ja verdient. Obwohl sie im Laufe des Abends erfahren hatte, dass sie Alkohol trank, hatte sie willentlich weiter getrunken. Wie hatte ihre hart erlernte Disziplin sie so verlassen können? "Ruhe.", erklang es im Raum. Herr Regar stand im Raum und verlangte zu erfahren, was hier geschehen sei. "Seno hat die Lampe fallen lassen.", erinnerte sich Emelia an Senos Worte. Aber sie klang wohl wenig überzeugt, wie sie an der Mine des Ritters erkennen konnte. Da half auch Senos Beteuern nichts mehr, laut Beschluss des Ritters würden sie den Rest der Nacht gefesselt verbringen. Sie konnte es ihm kaum verübeln. Vielleicht war es sogar besser so. Der Wirt faselte etwas von "…Schaden bezahlen…" Der Rauch duftete faszinierend. Die Pyromantin atmete tief ein. "…nicht ganz zuordnen.", vernahm sie die Stimme des Ritters. Sie waren nun allein mit ihm im Raum. Sie öffnete den Mund, wusste aber gerade eh nix zu sagen, also schloss sie ihn wieder. Bestimmt redete der Ritter weiter von einem Buch, welches er bei Seno gefunden hatte. Der Jäger besaß ein Buch? Er konnte lesen? In einer Sprache, die der Ritter nicht kannte? Neugierig sah sie zu Seno rüber. Das wurde ja immer spannender. Vielleicht hatte sie den Jäger unterschätzt. Als Seno erklärte, dass er dieses Buch nur transportierte, nannte ihn der Ritter einen Dieb. Ein Dieb? Seno? Sie konnte ihre Gedanken nicht zu Ende führen, da sich der Ritter nun auch ihr zuwandte. Sie hielt den Atem an. Bestimmt hatte er ihre Sachen durchsucht. Dann sagte er ihr auf den Kopf zu, dass sie eine Magierin war. Sprachlos saß sie da und zuckte zusammen. Herr Regar tischte ihnen nun eine wilde Theorie auf, was er glaubte, was hier geschehen sei. Durch ihre Sprachlosigkeit fühlte sich der Ritter bestätigt. Da fiel Emelia erst auf, dass der sonst so schlagfertige Seno ebenso sprachlos war wie sie selbst. Die Geschichte, die der Ritter erdacht hatte, erinnerte Emelia irgendwie an den Vorfall damals mit Jargon. Irgendwie komisch, dachte sie. So wie sie damals eine wichtige Lektion gelernt hatte, hatte sie heute eine weitere erhalten. Alkohol verträgt sich nicht gut mit Magie, auch nicht, wenn es sich anders anfühlt. Bevor der Ritter den Raum verließ und wieder abschloss, erfuhren sie von ihm noch, was sie am Morgen erwarten würde. Es war still im Zimmer. Still und kalt. Aber sie hatte die Lektion gelernt, außerdem funktionierte dieser Zauber nicht mit verbundenen Händen. Es war ihr egal. Schließlich hatte sie sich dies verdient. Seno unterbrach die Stille: "Und ich hab es erst heute Nacht erfahren, dabei gab es doch genug Hinweise." Patzig antwortete sie: "Mir war kalt.", und das war die Wahrheit. Es war gar nicht so übel, mal die Wahrheit sagen zu können. Seno verzog das Gesicht. Selbst wenn er ihr nicht glaubte, konnte sie es ihm nicht einmal verübeln. Dabei hatte sie stets versucht bei der Wahrheit zu bleiben, nur halt nicht alles zu sagen. Eine bleierne Müdigkeit überfiel sie. Je eher sie einschlief, desto weniger Gelegenheit hatte sie zu frieren. Aber heute Nacht würde sie kein Feuer mehr machen. Erschöpft schlief sie ein.
Es war bereits hell als sie aufwachte. Ihr war elend zumute. Zudem verspürte sie ein leichtes Pochen im Hinterkopf. Es wurde nicht besser als sie sich aufsetzte. Diese Nacht würde sie nicht so schnell vergessen. Sie fror und ihr linker Arm tat etwas weh. Sie hatte wohl die ganze Nacht darauf gelegen. Ein freundliches "Guten Morgen" schall zu ihr herüber. Seno war bereits wach. Nahm er ihr die Ereignisse der Nacht übel, fragte sich die Pyromantin im Stillen und wagte nur einen Morgengruß zu erwidern. Noch immer freundlich erkundigte sich Seno nach ihrem Wohlbefinden. "Nicht so besonders gut", meinte Emelia. Anscheinend akzeptierte er was geschehen war und verübelte es ihr nicht. Ihre Gedanken waren jetzt auch sortierter als in der Nacht. Aber sie verstand immer noch nicht, warum Seno die Lampe ins Feuer geworfen und die Schuld auf sich genommen hatte. Vorsichtig fragte sie ihn danach. Mit einem Lächeln im Gesicht erklärte er ihr, dass die Leute eine einfache Erklärung für das Feuer gebraucht hätten, die er ihnen damit geliefert hatte. Schritte auf dem Flur kündigten den Ritter an. Er betrat den Raum: "Wenigstens habt ihr eure Streitereien für die Nacht einstellen können. Ich werde euch jetzt losbinden, aber seid gewarnt, wenn ich auch nur eine verdächtige Handbewegung macht, ist mein Schwert schneller bei euch als ihr denken könnt." Emelia verhielt sich möglichst ruhig. Die Warnung ernst nehmend, wollte sie nicht weiter provozieren. Seno tat es ihr gleich, er wollte wohl auch möglichst schnell die Fesseln los werden. Ihr Verhalten als Bestätigung nehmend, löste der Ritter ihre Fesseln, erst Senos dann mit einem warnenden Blick auch Emelias. "Ihr könnt nun in den Schankraum zum Frühstücken, aber denkt daran, dass ich mein Versprechen aufrecht halte. Macht keine Scherereien mehr." Mit diesen Worten verließ er den Raum. Emelia schluckte. Nun hatte sie auch den Ritter gegen sie aufgebracht. "Hast Du keinen Hunger?", fragte Seno sich im Hinausgehen nochmals umwendend. Etwas blass um die Nase antwortete Emelia: "Nicht so recht, ich glaube die äh Ereignisse der Nacht sind mir auf den Magen geschlagen." Sie war erleichtert, dass sie mit ihrer unbedachten Aktion Seno nicht verärgert hatte. Sie folgte Seno in den Schankraum, denn im Zimmer zu bleiben machte noch weniger Sinn. Als sie den Schankraum betraten ernteten sie feindselige Blicke. Umsichtig wählte Seno wieder einen freien Tisch weit entfernt von der Tür, um die Leute nicht nervöser zu machen, als sie es eh schon waren, und entfernt von den Leuten, die ihrerseits freiwillig Abstand zu den beiden hielten. Sie setzten sich. Auf Geheiß des Ritters brachte der Wirt ihnen ein Frühstück. "Bevor ihr hingerichtet werdet, müsst ihr noch die offene Rechnung bezahlen.", zischte er ihnen zu. Mit vorsichtigen Bewegungen, um den Ritter nicht zu alarmieren, zog Emelia ihren Geldbeutel heraus: "Wie viel schulden wir ihnen?" Überrascht von der Zahlungswilligkeit rechnete der Wirt kurz nach und forderte dann fünfundzwanzig Taler. Das war eine ganze Menge Geld, aber Emelia wollte nicht noch mehr Schuld auf sich laden und zahlte den genannten Betrag. In ihrer Situation hatte sie auch kaum feilschen können. Sie steckte ihren um einiges leichteren Geldbeutel wieder ein. Zufrieden sein Geld zählend ging der Wirt zurück an seine Theke. Verwundert hatten die im Raum anwesenden dies beobachtet. Es war kurze Zeit still im Schankraum, bis viele anfingen zu tuscheln. "Vielleicht haben wir so einige Pluspunkte in den Augen der Leute und des Ritters sammeln können.", sagte die Magierin leise. "Vielleicht,", bestätigte Seno: "doch ich denke nicht, dass uns das noch viel weiterhilft. Unsere einzige Chance hier heil raus zu kommen ist es, den Mörder zu entlarven, und dazu bleibt uns nicht mehr viel Zeit." Emelia trank nur etwas Wasser, während Seno frühstückte. "Ja,", meinte sie: "viele andere Optionen bleiben uns nicht." "Vielleicht kannst Du ja, um den Täter zu entlarven irgendwas z.." "Pscht", leise zischend unterbrach die Pyromantin den Jäger: "doch nicht hier. Wenn die Leute das erfahren wird unsere Situation bestimmt nicht einfacher. Damit reiten wir uns nur tiefer rein. Ich bin schon froh, dass Herr Regar es für sich behält." Seno setzte nochmals an: "Ich dachte nur, vielleicht könnt ihr…" "Was ich kann habt ihr gesehen.", unterbrach sie ihn erneut: "ich kann uns hier nicht so einfach raus holen. Wenn ich das versuchen würde, würde das in einer noch größeren Katastrophe enden als in dieser Nacht." Das Pochen in ihrem Kopf wurde heftiger. Hoffentlich hörte er bald auf zu fragen. Sie beschloss, das Thema zu wechseln, um nicht doch noch einem unbedarften Zuhörer, irgendwas zu verraten: "Was für ein Buch habt ihr eigentlich dabei?" fragte sie leise. "Das soll ich nach Ametar bringen.", wich Seno ihr aus. Nun wurde sie neugierig und hakte nach: "Kann ich es mal lesen?"

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"Du bist wahrlich eine Magierin. In dieser Situation an lesen denken.", stöhnte Seno auf, wenn auch mit einem Lächeln auf der Lippe. Was für eine groteske Situation in der er wieder einmal hinein geschlendert ist. Hier saß er nun nach dieser schlaflosen Nacht. Das Feuer, welches seiner Begleiterin legte, war recht schnell gelöscht, dann wurde er gefesselt und zu allem Überdruß musste er von einem Ritter bestätigt bekommen, daß er seit Tagen mit einer Magierin unterwegs gewesen ist. Ein Ritter der es in wenigen Minuten wohl herausbekommen hatte, was er erst nach 3 Tagen und einem unerklärlichem Feuer vermutet hatte. Klar, daß diese ereignisreiche Nacht ihn nicht viel Zeit zum Schlafen gelassen hatte. Stattdessen lag er lange wach da, durch die Fesseln zur Unbeweglichkeit verdammt, dachte er über seine Situation nach. Beim besten Willen wollte ihm aber keine Lösung einfallen. Abhauen, fliehen, ja das war möglich. Aber dann? So ein Steckbrief macht sich nicht gut. Jetzt saß er also am Frühstückstisch. Den Fesseln befreit, den Strick noch immer um den Hals und um einer Lösung keinen Deut weiter. "Lass uns bitte wieder zu unserem Problem zurück kommen. Ich denke wir werden eine Lösung finden, wenn wir nur lange genug nachdenken. Wer könnte der Mörder sein? Dieser schlecht gekleidete Mann, der eben schon wieder abreisen wollte? Ich denke er ist die wahrscheinlichste Wahl." "Es ist aber nicht immer alles so, wie es den Anschein hat. Eventuell ist es ein ganz anderer, einen mit dem wir nicht rechnen. Wie dieser feine Herr, der Herrn Regar bei der Untersuchung geholfen hat." "Du hast recht. Wir bewegen uns im Kreis. So wie es momentan aussieht könnte es fast jeder sein." Seno stöhnte aus Verzweiflung auf. "Ok, gehen wir noch einmal die Sache durch. Gerne auch mit diesem reichen Mann als möglichen Mörder." "Er hat Herrn Regar immer geholfen.", fing Emelia an. "Ja, was gegen ihn spricht. Warum sollte ein Mörder bei der Untersuchung helfen. Sich selber ans Messer zu liefern?" "Weil er... Beweise zu vernichten versuchte?", überlegte sich Emelia und Seno schaute sie anerkennend an. "Ja, das wäre möglich. Er wollte vielleicht verräterische Spuren verschwinden lassen... Außer.. Außerdem hat er die Wamse.. Ja genau, er hat die Wamse nicht beachtet.", sprach der Jäger aufgeregt, endlich wieder einen Schritt weiter zu sein. Emelia sah Seno zweifelnd an. "Oder er war nur hilfsbreit, wollte ja auch schnell weg. Außerdem, was ist mit den Wamsen? Von welchen sprichst du?" "Na, die vier Toten haben welche an.", erklärte Seno der Magierin "Ja und?", fragte ihn Emelia nachdem sie noch mal drüber nachgedacht hatte. "Händler tragen keine Wamse." "Ja aber es sind keine Händler, hast du den Wagen vergessen. Da waren Stoffe nur obendrauf und unten drunter lag nur Stroh." "Schon, aber bei der Untersuchung der Leichen wusste es noch keiner." "Und es ist keinem aufgefallen, nicht einmal dir oder gar den Ritter. Wieso also dann dem Herren?", zerschlug Emelia Seno's Argument. Unverständliche Worte grummelnd, schimpfte Seno mit sich selber und sah grimmig zu dem Mann über den sie sprachen. "Aber seltsam ist er schon irgendwie." "Was meinst du?" Emelia sah nun auch hin. "Sieh dir mal die vielen Waffen an. An seinem Gürtel hängen alleine 5 Messer. Alles ganz kleine. Wozu brauch man so viele?", fragte sich Seno und seine Gesprächspartnerin stieg ein. "Bewegen tut er sich sehr geschmeidig. Die reichen Leute, die ich bis dato gesehen habe, bewegten sich immer hölzern." "Jaaa.", Seno begann nun wirklich zu glauben, daß dieser Mann der Mörder war. Ob das wohl nur eine Verzweiflungsreaktion von dem Jäger war? Die beiden Beschuldigten redeten noch eine Weile zusammen, doch wie rum sie die Sache auch immer beschauten. Es gab einfach nicht genug Beweise, die auf eine bestimmte Person wies. Am wahrscheinlichsten sahen sie zwei Personen als Mörder an. Zum Einen der wohl reiche, da edel gekleidete Mann und zum anderen der verdreckte, listig dreinschauende Mann. Alles Reden brachte aber keine neuen Erkenntnisse. So versuchte Emelia schließlich den reichen Mann in ein Gespräch zu verwickeln, doch dies war gar nicht so einfach. Keiner wollte mehr mit den Mördern reden. Man isolierte sie, hielt sich von ihnen fern. Es war wie verhext. Die Situation wurde immer unerträglicher. Das Nahen der Stadtwache, der Termindruck einiger Gäste, Die Erinnerungen an die Morde und dem Feuer, ließen die Personen im Raum immer gereizter werden. Immer öfters gab es unter den Gästen lautstarke Diskussionen und auch kleine Streitereien. Herr Regar, der Ritter, bekam die die Situation immer schwerer unter Kontrolle. Als Seno ihn mal beobachtet, sah es so aus, als ob er resignierte und, nur damit es schnell vorbei ist, einer Lynchjustiz zustimmen würde. Die Zeit rann quälend langsam. Emelia und Seno schwiegen nun immer öfters. Sie hatten alles durchgesprochen, es gab keine Lösung. Nur noch ein Wunder konnte sie retten. Seno war klar, wenn die Stadtwache ankam, war ihr Todesurteil besiegelt, denn wer würde ihnen glauben, daß sie nicht die Mörder sind. Seine düsteren Gedanken wurden unterbrochen, als ihnen die Wirtin einen Teller Eintopf brachte. Mittagessen. Seno stocherte Lustlos in dem Essen rum. Er musste nun was tun, das war klar. Bald würde die Stadtwache hier aufkreuzen. Aber ob Emelia ihm da zustimmen wird? Er fühlte sich etwas verantwortlich für die leicht weltfremde Magierin, welche er hier hin geführt hat. Er ging noch mal die Alternativen durch und war sich dann sicher. Er wusste, was zu tun ist, doch konnte er es mit ihr wagen? Sollte er alleine? Nein, er hat sie da rein gebracht, so muß er ihr die Chance geben da raus zu kommen. Ihr Hals war zu schön um Bekanntheit mit dem Strick zu machen. So sprach er, als Emelia in Gedanken von ihrem Eintopf auf sah: "Wir müssen fliehen."

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Mit seinem Aufstöhnen betitelte Seno Emelia als Magierin. Schnell sah sie sich nervös im Schankraum um, um festzustellen, ob jemand zugehört hatte. Niemand reagierte irgendwie auffällig. Zum Glück hatte er wohl leise genug gesprochen. Geschickt lenkte Seno ihr Gespräch wieder auf ihr aktuelles Problem. Wenn sie ihre Unschuld beweisen wollten, mussten sie wohl oder übel den Mörder selbst finden, da alle anderen sie für die Mörder hielten. Der junge Jäger verdächtigte den schlecht gekleideten Mann, der immer wieder abreisen wollte. Emelia dachte nach. Abreisen wollten eigentlich alle. Die abgerissene Gestalt wirkte tatsächlich verdächtig, aber andere ebenso. Zum Beispiel hatte sich dieser edel gekleidete ebenso verdächtig verhalten, nur nicht so offensichtlich. Dafür hatte er sich bei der Untersuchung des Falles fast schon aufgedrängt. "Ja, was gegen ihn spricht. Warum sollte ein Mörder bei der Untersuchung helfen. Sich selber ans Messer zu liefern?", versuchte Seno ihren Verdacht zu entkräften. Dieser Einwand war durchaus berechtigt. Welchen Grund könnte ein Mörder haben, bei der Aufklärung seines Falles zu helfen? "Weil er…", begann sie, weiterhin nachdenkend, warum ein Mörder überhaupt an den Tatort zurückkehren wollte. Warum war er nicht schon längst geflohen, bevor die Tat überhaupt entdeckt wurde? Plötzlich kam es ihr in den Sinn: "…Beweise zu vernichten versuchte?" Sie versuchte sich angestrengt daran zu erinnern, ob der Edle irgendwas eingesteckt hatte, ihr fiel aber nichts ein. Seno stimmte ihr zu und bemerkte zusätzlich, dass er die Wamse nicht beachtet hatte. Wamse? Was für Wamse? Verwirrt sah Emelia Seno an, nach einer Erklärung fragend, die sie auch umgehend erhielt und die ihnen auch nicht weiterhalf. Händler tragen zwar keine Wamse, die Toten jedoch schon, aber Händler haben auch kein Stroh unter ihren Stoffen auf ihrem Wagen. Auch Senos Einwand, dass letzteres bei der Untersuchung der Leichen noch nicht bekannt war, war leider kein Beweis, da dies bei der Untersuchung niemandem der Anwesenden aufgefallen war, auch nicht ihnen oder dem Ritter. Somit waren wieder alle gleich verdächtig. Verzweifelt dachte Emelia nach, aber ihr wollte nichts einfallen, wie sie aus dieser Lage wieder heraus kämen. Ihr erster eigener Auftrag sollte also in einer derartigen Katastrophe enden. Senos Antwort bestand nur aus einem nicht verständlichen Brummeln. Dies nahm die junge Magierin nur am Rande wahr. Niedergeschlagen begann sie über eine Flucht nachzudenken. Von Wachen und ihrem Orden verfolgt, wäre es nur eine Frage der Zeit, bis sie gefasst und verurteilt würde. Seno riss sie aus ihren Gedanken: "Aber seltsam ist er schon irgendwie." Den Edlen betrachtend fragte sie: "Was meinst Du?" Der Jäger wies sie auf die vielen Waffen hin, die der von ihnen Verdächtigte am Körper trug. Als sie ihn näher betrachtete, fielen auch Emelia etliche Waffen auf. Diese waren auf den ersten Blick unauffällig am Körper verteilt. Die fünf Messer am Gürtel waren klein genug, um nicht weiter aufzufallen und die leichten Wölbungen unter der Kleidung hier und da, waren auch nur mit genauer Beobachtung festzustellen. Irgendetwas an ihm störte Emelia, ohne dass sie genau sagen konnte, was es war. Sie war in der Stadt schon einigen Edelleuten begegnet, aber diese schienen sich von diesem einen hier zu unterscheiden. Zufällig wandte sich der Verdächtigte gerade in Richtung Theke um, um noch etwas zu Trinken zu bestellen. Seine Bewegungen waren anders als gewöhnlich bei Reichen, bemerkte die Pyromantin. Er bewegte sich nicht so steif, wie es zu erwarten war, sondern viel geschmeidiger. Diese Entdeckung teilte sie Seno sofort mit, erhielt aber nur ein "Jaaa.", als Antwort, was immer der Jäger damit sagen wollte. Gemeinsam stellten sie im weiteren Gespräch fest, dass sie für all ihre Vermutungen keine Beweise finden konnten. Wenn wir keine Beweise finden können, dachte Emelia bei sich, können wir vielleicht den Mörder provozieren, einen Fehler zu machen, und sich zu verraten, oder vielleicht in einem Gespräch mit ihm, mehr zu erfahren. So ging sie zu dem Edlen hinüber, um ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Der jedoch blieb ganz ruhig und stellte nur bestimmt fest, dass er sich nicht mit ihr unterhalten würde, er verkehre nicht mit Mördern. Zumindest in seiner Ausdrucksweise und Arroganz bestätigte er den Edelmann. Die anderen Gäste stimmten dem Edelmann zu und feindeten sie an. Die Stimmung begann zu brodeln. Niedergeschlagen kehrte sie zu Senos Tisch zurück. Alles hatten sie nun versucht und keinerlei Erfolg dabei gehabt. Bald würde die Wache hier eintreffen und dann… Sie mochte gar nicht darüber nachdenken, was dann geschehen würde. Mit den Worten "Mittag" stellte die Wirtin Eintopf auf den Tisch. Emelia schreckte aus ihren Gedanken hoch. Wie lange hatte sie geschwiegen? Sie blickte zu Seno herüber, der ebenso in Gedanken gewesen zu sein schien. Sie aß etwas von dem Eintopf. In ihren Teller starrend grübelte sie darüber nach, was sie nun tun sollte. Selbst wenn die bald ankommende Wache ihnen den Mord nicht nachweisen konnte, hätte sie wohl einiges zu erklären, wenn nicht der Wache, so doch Ermittlern des Ordens, die, sobald ein Mitglied in irgendwas verstrickt war, hinzugezogen wurden, um eventuelle magische Einwirkungen nachweisen zu können. Und dann müsste sie erklären, warum sie einen Schrank entzündet hatte. Nur wenn ein Fall eindeutig geklärt war, wurde darauf verzichtet, diese Ermittler hinzuzuziehen. Sie musste eine Chance gewinnen, weiter ermitteln zu können, um die nötigen Beweise rechtzeitig zu beschaffen. Eine Flucht und anschließende Beschattung der Verdächtigen war ihre einzige Chance. Also brauchte sie dazu Senos Hilfe, da sie nur einen der beiden von ihnen Verdächtigen beschatten können würde. Sie blickte von ihrem Teller auf. "Wir müssen fliehen." Hörte sie in dem Moment leise von Seno.
"Ja.", stimmte sie ihm genauso leise zu: "Doch wie sollen wir das anstellen? Ich glaube kaum, dass wir hier so einfach rausspazieren können." "Ja, leider.", stimmte Seno dem zu: "Doch bleiben können wir auch nicht. Ich kenne einige Orte im Wald hier in der Nähe, an denen wir uns verstecken könnten." Emelia zögerte. Eine Flucht von hier schwebte ihr auch vor, doch sich dauerhaft verstecken zu müssen, war etwas anderes. Sie wollte ihre Unschuld an den Morden beweisen. "Wenn wir keine andere Wahl mehr haben, können wir uns ja verstecken, doch noch möchte ich versuchen, den Mörder zu finden.", antwortete sie zögernd. "Also denkst Du daran, den Edlen und den Abgerissenen zu verfolgen? Das wird nicht leicht.", schien Seno ihre Gedanken zu erraten. Erleichtert darüber, dass er ihren Plan nicht gleich als nicht durchführbar verwarf, bestätigte sie ihr Vorhaben. So berieten sie, wie sie entkommen könnten und was sie danach tun konnten. Möglichst unauffällig begutachteten sie Türen und Fenster, um eventuelle Fluchtwege zu finden. Die Fenster des Schankraumes waren ebenso vergittert, wie die der Schlafräume es gewesen waren. Hier konnten sie nicht hinaus. Die Räume jenseits der Theke konnten sie nicht betreten ohne großes Aufsehen zu verursachen. Hier könnte es einen Hinterausgang geben, aber dies konnten sie nicht feststellen, ohne den Ritter und die anderen zu alarmieren. Also blieb ihnen vermutlich nur die Vordertür. Es war fast aussichtslos. Zudem mussten sie nach einer eventuell gelungenen Flucht in unmittelbarer Nähe bleiben, um die beiden von ihnen Verdächtigten verfolgen zu können. Diese Aufgabe war fast unmöglich zu bewältigen. Mitten in ihren Überlegungen hören sie von draußen Hufgeklapper. Emelia warf einen verzweifelten Blick zur Tür. Nun war alles zu spät. Das musste die Wache sein. "Wer kann das sein?", fragte Seno leise und auf Emelias fragenden Blick hin fuhr er fort: "Die Wache kann das nicht sein, denn die reiten normalerweise auf Flahi und nicht auf Pferden. Flahi haben keine Hufe und sind daher nicht beschlagen." "Nicht die Wache? Aber wer…" begann Emelia, als die Tür aufging. Alle im Schankraum sahen neugierig zur Tür. Ein groß gewachsener Mann in einen dunklen Mantel gehüllt betrat den Raum. Nach zwei Schritten in den Raum hinein blieb er stehen und sah sich um. Er warf einen prüfenden Blick durch den Raum, scheinbar auf der Suche nach etwas, oder jemandem. Alle im Raum schienen den Atem anzuhalten. Ein Funke hätte die Stimmung jetzt zum explodieren gebracht. Wer war er? Was suchte er hier? Als er scheinbar nicht fand, was er suchte, wandte sich der dunkle Reiter an den Wirt und fragte nach vier reisenden Händlern, die er hier treffen wollte. Emelia atmete scharf ein, er suchte die Opfer! Alle Gäste im Schankraum schienen zu erstarren und blickten erwartungsvoll zu Herrn Regar. Eine zerlumpte Gestalt bewegte sich vorsichtig zur Tür. Der Edle stand auf, wand seinen der Tür seinen Rücken zu und begab sich zur Theke. Emelia blickte zu Seno und hoffte von ihm ein Zeichen zu bekommen. War das die Möglichkeit, auf die sie warteten? Würde der dunkle Ritter ihre Situation ändern? Und wenn, zum Besseren, oder zum Schlechteren? Auf alles vorbereitet erhob sich Herr Regar und trat auf den Fremden zu: "Wer seid ihr und was wollt ihr von den vier Herren?" "Wer seid ihr, das ihr meint das Recht zu haben, mich zu befragen?", antwortete der Fremde. Der Ritter erwiderte: "Ich bin Regar von Andokar, fahrender Ritter des Kaisers. Wärt ihr nun so gut, meine Fragen zu beantworten?" Der Fremde nickte dem Ritter zu: "Ich werde Baldric genannt. Den vier Händlern wollte ich einige Waren abkaufen. Wo sind sie? Was ist hier los?"

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Seno erschrak etwas, als Emelia sofort zustimmte zu fliehen. Sie hatte anscheinend ähnliche Gedankengänge und war auch zu der Lösung gekommen. Er erzählte ihr von den Verstecken, welche er in dieser Gegend kannte, doch seine Schicksalsgefährtin wollte davon nicht so recht was hören. Viel lieber wollte sie die Tatverdächtigen folgen um den Mörder zu finden. Da nun klar war, daß wohl nur noch eine Flucht ihr Leben retten konnte, besprachen die beiden, wie dies zu bewerkstelligen ist. Sie untersuchten alle möglichen Fluchtwege von ihrem Tisch aus um im Gespräch feststellen zu müssen, daß keiner der möglichen Wege sicher war. An den Fenstern waren Gitter, vor den Türen standen zwanglos die Gäste, welche sicherlich nicht freiwillig zur Seite traten, um ihnen die Flucht zu ermöglichen. Sie waren noch mitten in ihrer Besprechung, als vor der Herbergstür ein Pferd ankam. Seno war sofort neugierig, wer den da wohl angekommen ist. Gab es eventuell durch den Neuankömmling eine Fluchtmöglichkeit? Auch Emelia hatte das Pferd gehört aber es falsch interpretiert. Sie dachte an die Stadtwache, die nun wohl da sei um über sie zu richten. Doch Seno konnte sie beruhigen. Waren Pferde doch nicht das übliche Transportmittel der Stadtwache, bevorzugten diese doch eher Flahi. Er wollte ihr gerade noch erklären, daß die Stadtwache mit mehreren Leuten kommen würde, als der Reiter auch schon die Stube betrat. Sofort wurde es leise im Raum. Ein jeder blickte zu dem großen Mann der wiederum sie anschaute, als ob er etwas suchte. Ohne die bohrenden Blicke der Anwesenden zu beachten, schritt der Mann selbstsicher auf den Wirt zu. "Vier Händler mit einem Karren. Sag Wirt, stiegen sie hier vor zwei oder drei Tagen ab?" Gespannt erwartete Jeder auf die Antwort des Wirtes, doch es sollte anders kommen. Der Ritter warf sofort die Frage ein, warum der Fremde dies wissen wollte. Zuerst weigerte sich der Fremde Herrn Regar zu antworten, doch als dieser sich vorstellte wurde auch der Fremde höfflicher und nannte Baldric als seinen Namen. "Handeln wollt ihr? Nun, dieses könnte etwas schwer werden.", erklärte der Ritter spöttisch, was Herr Baldric aber überhörte, obwohl fast jeder im Raum hörbar einatmete. "Vielleicht kenne ich Eure Geschäftspartner. Folgt mir." Erstaunt ging der Neuankömmling hinter dem Ritter her, die Stufen hoch. "Hätte Herr Regar nicht nach der Art der Waren fragen sollen?", fragte Emelia Seno leise, gleich als die beiden Männer auf der Treppe verschwunden waren und auch andere im Raum fingen leise an zu tuscheln. "Ja, das wäre besser gewesen. Er wird es vergessen haben. So oft verhört er wohl keinen und daß ausgerechnet jetzt einer kommt und nach den Toten fragt, war ja auch sehr überraschend." "Wenn es wirklich die sind, die er sucht.", warf Emelia ein. Seno nickte nachdenklich und sagte mehr zu sich selber: "Ich hoffe es, denn dann weis er vielleicht ein Motiv." Die Zeit dehnte sich ins Unendliche während sie auf die Rückkehr der zwei Männer warteten. Als Seno es nicht mehr abwarten konnte, versuchte er sich ab zu lenken und betrachtete die Gäste. Schnell fielen ihm die zwei Verdächtigen auf. Beide waren in der Nähe der Ausgangstür. Sollten sie recht haben, ist einer der beiden der Mörder gewesen? Vielleicht sogar beide zusammen? Schwere Schritte kündigten das Wiedereintreffen der Männer an. Sofort verstummte jedes Gespräch. Die Spannung im Raum war deutlich zu spüren. Ein jeder erhoffte sich, daß er jetzt etwas Neues über den Fall erfahren würde. Gerade in dem Moment fiel Seno ein, daß es nicht schaden könnte zu wissen, wo seine Waffen sind. Aber er sah sie nicht, überlegte kurz, wo man sie hingebracht hatte, als sie ihm abgenommen worden sind. Hinter der Theke. Ja, jetzt erinnert er sich. Mittlerweile waren die beiden Männer fast in der Mitte des Raumes und hatten immer noch kein Wort gesprochen. Der Mine von Ihnen sah ernst und grimmig aus. Der Neuankömmling schaute sich grimmig um. Kurz blieb sein Blick an jeder Person im Raum haften. Gespannt wagte keiner, selbst die Geschwätzigsten nicht, etwas zu sagen. Nur Sekunden und doch nach einer gefühlten Ewigkeit blickte Baldric den reichen Mann an. Zum zweiten Mal! "Du. Du warst auf der Versammlung. Du hast sie getötet." In dem Moment löste sich ein jeder aus seiner Starre. Während die Gäste und der Wirt mit seinen Angestellten den Neuankömmling lautstark berichtigen wollten,. "Das ist nicht der Mörder." "Wir haben sie längst." "Sie irren sich." "Was wissen sie schon?", erhob sich Seno um die Lage zu überblicken. Jetzt war bald die Gelegenheit ein zu greifen. Er spürte es förmlich, daß er bald was tun muß. Neben sich erhob sich auch Emelia, wie so oft dachte sie wohl ähnliches wie er. Gemeinsam konnten sie beobachten, wie Baldric auf den edlen Herrn mit festem Schritt zuging, sich an den Widerworten im Raum nicht störend, sein Ziel fest im Auge. Eine Hand von ihm ging auch schon zu seinem Schwert. Seno sah genau hin, der Reiche verkrampfte, zögerte, überlegte was er tun sollte. Er wollte was schreien, da war es aber auch schon passiert. Der Reiche warf blitzschnell mehrere Messer. Zu schnell um zu reagieren. Im gleichen Augenblick fiel Herr Baldric um, keine 2 Schritt vom Mörder entfernt. Die Zeit blieb stehen. Vor Schrecken, oder auch nur durch Verwunderung, verstummte jeder im Raum. Alles starrte den Mörder und sein neues Opfer an. Doch es waren nur Bruchteile, die wie eine Ewigkeit wirkten, ehe der Mörder sich auf dem Absatz umdrehte und floh. "Den holen wir uns.", schrie Seno auf. Das Jagdfieber und die Wut hatten ihn gepackt. Er lief zur Theke hin und überwand sie mit einem großen Sprung. Schnell schaute er sich um und sah seine Waffen. Hastig griff er nach ihnen, gleichzeitig auch noch die daneben liegenden Waffen an sich zu nehmen. Aufgerichtet sah er sich nach Emelia um. Die stand noch beim Tisch und starrte auf Herrn Regar, welcher auch auf dem Boden lag. Seno sah ein Messer in dem Hals des sich windenden Ritters stecken. "EMELIA", rief Seno laut gegen die nun langsam zu sprechen anfangenden Gäste. Er hetzte zur Tür, jetzt war es egal, ob seine Begleitung ihm folgte oder nicht. Noch eine Verzögerung und der Mörder war weg. Er wollte ihn aber haben. Er MUSSTE ihn haben. Seno war stinksauer. Einer der Gäste stellte sich Seno in den Weg, wollte ihn aufhalten. Der Jäger aber stieß den armen Kerl einfach zur Seite und erreichte die Tür, riß sie auf. "Ich bin hinter dir.", hörte er in der Nähe eine vertraute Stimme und reichte die Waffen, welche ihm nicht gehörten nach hinten, Gleichzeitig sah er grinsend dem Mörder hinterher. Hatte dieser doch glatt den langen Weg gewählt und war so noch immer aus zu machen.

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Aufgeregt verfolgte Emelia das Gespräch der beiden Ritter. Neugierig wartete sie auf neue Hinweise, die sie entlasten könnten. Leider folgte der Fremde bald dem Ritter nach oben, damit er die vier Händler identifizieren sollte. So hatte sie leider nichts Neues erfahren können. Der Ritter hatte nicht einmal gefragt, was der Fremde kaufen wollte. Darüber beschwerte sie sich leise bei Seno. Sie barst fast vor Neugierde. Vielleicht erfuhr sie mehr, wenn die beiden zurückkehrten. Wenn die vier überhaupt diejenigen waren, die der Fremde suchte. Vielleicht konnte er diese Mysterien etwas erhellen. Wer waren die vier Opfer gewesen? Was haben sie hier gemacht? Was wollte der Fremde von ihnen? Was wollte der Mörder von ihnen? Ihre Gedanken überschlugen sich förmlich vor Aufregung. Sie schöpfte neue Hoffnung, dass sich dieser Fall vielleicht doch noch zu ihren Gunsten löste. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis sie endlich die Schritte der beiden Ritter hörte. Sie kehrten in den Schankraum zurück. Beide Ritter trugen eine sehr ernste Miene zur Schau. Was hatten sie oben besprochen? Was hatten sie herausgefunden? Es herrschte eine massive Stille. Obwohl ihr die Fragen auf den Lippen brannten, wagte sie es nicht, auch nur eine Frage zu stellen. Noch gespannter als auf die Antworten auf ihre Fragen war sie darauf, was nun geschehen würde. Dann fiel der Blick des Fremden auf den Edelmann. "Du. Du warst auf der Versammlung. Du hast sie getötet.", brach Baldric das Schweigen. Was er sprach schlug ein wie ein Feuerball. Emelia schien es, als ob alle Anwesenden gleichzeitig den Fremden berichtigen wollten. Alle beteuerten wieder, dass Seno und sie die Mörder waren. Die Pyromantin hörte dem Geplapper nicht mehr zu. Sie sah gebannt auf den Edelmann und Baldric. Dieser Baldric hatte ihre Vermutungen bestätigt. Was würde nun passieren? Wie würde der Edle reagieren? Plötzlich ging alles sehr schnell. Baldric griff zum Schwert. Der Edle warf blitzschnell ein paar Messer. Er war schneller, als sie es vermuten konnte. Herr Regar… sank zu Boden. Emelia stand wie angewurzelt da. Wie hatte das geschehen können? Der Edle war der Mörder, das stand für sie nun fest. Emelia schlug das Herz bis zum Hals. Beide Ritter lagen blutüberströmt am Boden. Der Mörder floh. Was sollte sie nun tun? Als Magierin war es ihre Pflicht zu helfen. Ein Blick auf den Fremden verriet ihr, dass sie ihm nicht mehr helfen konnte. Doch Herr Regar bewegte sich noch. Also lebte er noch. Sie konnte ihm helfen. Aber sie musste auch fliehen und den Mörder verfolgen. Warum nur war die Welt so kompliziert? "Den holen wir uns", hörte sie Seno rufen. Er hatte Recht, doch sie hatte auch noch eine Chance, Herrn Regar zu retten. Seno rief ihren Namen, woraufhin sie ihre Starre verließ. Während Seno durch den Raum lief, beugte sich Emelia schnell und unauffällig, wie sie konnte, zu Herrn Regar hinunter. Mit einer Hand zog sie das kleine Messer aus der Wunde, mit der anderen Hand kauterisierte sie die Wunde, so dass er nicht verbluten würde. Das war leider alles, was sie als Feuermagierin für den Ritter tun konnte. Alles Weitere lag bei Nakuta. Sie konnte nur hoffen, dass sich die verwirrten Gäste und Wirtsleute um den Ritter kümmern würden. Schnell folgte sie Seno durch die Tür, wobei sie über einen am Boden liegenden Gast hinwegsetzte. "Ich bin hinter Dir.", keuchte sie, als sie Seno halbwegs eingeholt hatte. Er reichte ihr ihre Waffen. Die hätte sie in der Aufregung fast vergessen. Sie folgte Senos Blick und sah den Mörder davonlaufen. Sie verfolgten den Mörder in den Wald.
Ungewöhnlich behände lief der Edle durch das Unterholz, doch Seno konnte ihm problemlos folgen. Emelia lief so schnell sie konnte hinterher. Sie musste beim Laufen aufpassen, dass sich ihre Füße nicht im dichten Gestrüpp verfingen. Als sie eine Lichtung überquerten, konnte sie wieder etwas aufholen. Hoffentlich hörte dieser !*@ Wald bald auf! Seno lief unvermittelt einen Rechtsknick. Der Mörder lief weiter geradeaus. Emelia folgte dem Mörder und hoffte bei sich, dass Seno wusste, was er da tat. Plötzlich verlangsamte der Mörder seinen Lauf und sah sich suchend um. Als sie näher kam, erkannte Emelia den Grund hierfür. Sie näherten sich einem Fluss, der hier eine Biegung machte. Die einzige Fluchtmöglichkeit für den Mörder war eine etwas weiter rechts den Fluss hinab gelegene Brücke, da Emelia den Weg links den Fluss entlang abdeckte. Nun verstand sie, warum Seno nach rechts abgebogen war. Der flinke Mörder machte sich ohne weiter zu zögern auf den Weg zur Brücke. Emelia beeilte sich, um in Reichweite zu gelangen. Rechts vor der Brücke tauchte Seno aus dem Unterholz auf. Sie hatten nun eine reelle Chance ihn zu stellen. Im Laufen bereitete sie einen Feuerball vor. Sie warf ihn auf den Mörder, verfehlte ihn jedoch knapp. Der brach jedoch seine Flucht ab, um sich zu verteidigen. Ein Pfeil schoss von rechts auf den Edlen zu. Den musste Seno abgeschossen haben, dachte Emelia. Der Pfeil hätte treffen müssen, zerbarst jedoch kurz vor dem Mörder in der Luft. Bei Pyrrus, fluchte Emelia vor sich hin, er ist nicht nur ein gut ausgebildeter Mörder, sondern beherrscht auch noch Magie. Unvermittelt geriet der fremde Magier ins straucheln. Erstaunt sah Emelia, dass sich der Boden unter seinen Füssen gewölbt hatte. Wer hatte das getan? Sie nicht. Der Mörder selbst wohl auch nicht. Dann blieb nur noch Seno. Magie? Seno? Das hatte Zeit bis später, beschloss Emelia und bereitete einen weiteren Feuerball vor. Diesmal war sie nicht außer Atem und konnte ihn so besser kontrollieren. Von der Seite flog ein weiterer Pfeil heran. Dieser zerbarst am Körper des Mörders. Emelia vergrößerte den Feuerball nochmals und ließ ihn dann los. "Volltreffer", freute sie sich. Sie hatte den Mörder von den Füssen geholt. In weitem Bogen flog er rückwärts und landete benommen auf dem Rücken. Umgehend war Seno über ihm und band ihm die Hände auf dem Rücken zusammen. Mit einem Faustschlag schickte er den Mörder endgültig ins Reich der Träume: "So werden wir ihn leichter zurück bringen können." "Ja", stimmte Emelia zu: "Wer weiß, was der sonst noch für Überraschungen auf Lager hat." Seno durchsuchte den Bewusstlosen und nahm ihm diverse Waffen ab. Erstaunt sah die Pyromantin, dass der Mörder durch das Feuer kaum versengt worden war, ihn hatte lediglich die starke Druckwelle des größeren Feuerballs außer Gefecht gesetzt. Sie sollten ihn schleunigst zurück bringen, um den Rückhalt der Wache zu haben, wenn er wieder erwacht. Während sie die Waffen des Mörders in einen Beutel packte und Seno sich den bewusstlosen Mörder selbst über die Schulter warf, fragte Emelia: "Sag mal, das mit dem Boden eben, warst Du das?"

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Die Jagd begann. Seno fühlte sich frei. Endlich war er kein Gefangener mehr. Seine Muskeln sehnten sich nach Bewegung, die ihnen das Haus so lange verwährt hatte. Weit vor Ihnen lief der Mörder in einem sehr schnellen Tempo, welches Seno nicht ewig halten konnte. Aber noch ging es und die sichtbare Ortsunkenntnis des Mörders half ihm den Abstand sogar zu verkleinern. Bald rannte der Verfolgte weg vom Weg in den Wald rein. Seno blieb ihm auf den Fersen, hörte aber hinter sich keinen Laut mehr. Ob Emelia noch da war? Leider war die Zeit zu knapp, um sich um zu drehen. Ein Stolpern oder gar einen Sturz würde die Verfolgung beenden. Es mußte eine Lösung her, lange konnte er nicht mehr in dem hohen Tempo laufen. Da fiel es ihm ein, er wußte nun eine Lösung. Ohne weiter nach zu denken bog Seno nun schnell nach rechts weg. Ein Blick über die Schulter und er sah Emelia. Gut, sie war noch da. Nun mußte er nur noch hoffen, daß sie nicht ihn, sondern den Mörder weiter verfolgte. Ob sie richtig reagieren wird? Bange Augenblicke, bis er sie aus dem Augenwinkel verlor, sie war dem Mörder weiterhin auf den Fersen. Zufrieden grinsend mobilisierte der Jäger noch mal alle seine Kraftreserven und lief das letzte Stück. Er war nun an einem Fluß angelangt, beziehungsweise er war Am Waldrand, gut 10 Schritt vom Ufer entfernt. Seno hielt genau da an und atmete erst einmal durch um dann sofort sich seinen Bogen hervor zu holen, zu spannen und einen Pfeil ein zu legen. Nun hieß es warten, denn er wußte, daß diese Brücke, welche etwas rechts von ihm war, die einzige Möglichkeit war den Fluß schnell zu queren. Das Warten war schnell zu Ende, als Seno den Mörder auf sich zukommen sah. Begleitet wurde dieser von einem Feuerball, der ihn aber verfehlte. Emelia war also noch dicht dran. Grinsend ging er etwas vor, um eine bessere Flugbahn zu haben und schoß seinen Pfeil ab. Soll doch ein Stück Metall und Holz schaffen, was das Feuer verfehlt hatte. Das war es, der Pfeil sauste unbeirrbar auf das Bein des Fliehenden zu. Aber was war das? Noch bevor der Pfeil auf sein Ziel traf, hielt der Mörder an und fast gleichzeitig zerbarst der Pfeil in der Luft. Wie konnte dies sein? Nicht lange Überlegend fühlte Seno kurz in sich rein und machte dann eine schnelle Handbewegung. Augenblicklich kam Erde unter dem Mörder hervor. Völlig überrascht stolperte dieser. Schnell machte Seno erneut die Handbewegung und legte gleichzeitig einen neuen Pfeil in den Bogen ein, nur um ihn sofort auf Reisen zu schicken. Wieder war die Flugbahn perfekt, auch wenn diesmal durch die Hast beim Schießen die Brust des Mörders das Ziel des Pfeils werden würde. Wütend mußte der Jäger erkennen, daß auch sein zweiter Pfeil nichts bewirkte. Diesmal flog er weiter, traf den Mörder, doch dann zerbarst er erneut ohne den Mann zu schaden. Wütend warf Seno den Bogen weg und wollte nun alles riskieren, all seine Fähigkeiten einsetzen. Mal sehen, wie der Mörder damit klar kam. Der Bogen sollte nie den Boden vor Ende des Kampfes erreichen.
Wie Seno den Bogen wegstieß, die Hände frei zu haben, tauchte hinter dem Mörder ein großer Feuerball auf. Er traf diesen und warf ihn mehrere Meter nach vorne. Das war's, Seno erkannte seine Chance und lief auf den am bodenliegenden Mann zu. Im Lauf zog er Lederbänder aus seinen Taschen hervor und benutzte sie sogleich den Mörder zu fesseln. Emelia und Seno entwaffneten den Mörder und einigten sich darauf, ihn schnellstmöglich zurück zur Herberge zu tragen, damit dieser nicht noch mit irgendwelchen Tricks aufwarten konnte. "Sag, mal, das mit dem Boden eben, warst du?", fragte Emelia in dem Moment, als Seno sich den Gefesselten über die Schulter warf. Fast wäre Seno das lebende Bündel wieder runtergefallen, so sehr erschreckte er sich. Das Emelia dies bemerken würde war zwar klar, ihm aber in der Hektik nicht bewußt geworden. "Ja. Ähh. Nun, ich bin auch ein Magier. Ein Erdmagier." Sie gingen schnellen Schrittes los. Seno vermied dabei bewußt den Augenkontakt zu seiner Begleiterin. Schließlich fügte er hinzu: "Ich wurde aber nie ausgebildet. Man sagte mir, die Magie in mir wäre zu schwach." Den Rest des Weges verbrachten sie schweigend. Emelia ging hinter Seno her. Vermutlich um den Gefangenen zu beobachten, rechtzeitig ein zu greifen, sollte er sich rühren. Seno war dies nur recht. Er schämte sich etwas vor der Magierin. Eigentlich wollte er nie wieder seine Magie einsetzen.
"Zum lachenden Flahi" Das hölzerne Schild wackelte begrüßend im Wind, als Seno und Emelia ankamen. Schnell ging die vor um ihm die Tür auf zu halten. Er nickte nur kurz, für Worte zu müde und trug ihren Gefangenen über die Schwelle. Im Raum war es leise. Nicht das er leer gewesen wäre, aber wieder schwieg jeder aus Neugierde und schaute zur Tür. Diesmal währte das Schweigen aber nur wenige Augenblicke und die Gäste jubelten den ehemals Beschuldigten freudig zu. Vier der Fünfergruppe Stadtwache, welche man sofort an ihrer auffälligen Uniform erkannte, traten sogleich an Seno heran und nahmen ihn den Gefesselten ab. "Paßt auf, er kann wohl Magie.", sprach Emelia von der Tür. Daraufhin griffen zwei der Stadtwache sofort in ihren Taschen. Routiniert holten sie je einen Armreif hervor und streiften sie dem noch immer ohnmächtigen Mörder über die Handgelenke. Seno war froh es hier mit Profis tun zu haben. Erschöpft, aber auch erleichtert, daß das schlimmste vorbei war, wartete er ab, wie die Stadtwache den Mörder geschickt entfesselten um ihn danach auf ihre eigene Art zu fesseln. Sicher wären seine Fesseln auch gut gewesen, aber zum einen widerspricht man der Stadtwache nicht, es sei denn man ist lebensmüde, zum anderen ist deren Fesseltechnik selbstredend auch perfekt und für den Transport des Gefangenen wohl sogar besser. "Bevor der Gefangene erwacht, muß ich Eure Namen erfahren.", sprach da der Fünfte der Stadtwache, ihr Anführer "Senos Baumheiler." "Emelia Falkenheim..." Der Frager nickte kurz. Seno sah Emelia an, er dachte, sie wollte noch etwas sagen, dem war aber wohl nicht so. "Verzeiht mir." Emelia und Seno schauten überrascht in die Richtung, aus der die Stimme kam. Verwundert sahen sie dort den Ritter Regar. Etwas schwach auf den Beinen, aber sichtbar lebendig trat er aus dem sich gebildeten Halbkreis aus Menschen. Ein dicker Verband zierte seinen Hals. "Ihr ward die Nächstliegenden. Ich hoffe ihr habt nicht allzusehr gelitten." "Nein, ihr habt euch mit der unfreiwilligen Arbeit gut geschlagen. Ohne euch wären wir nun tot und der Mörder wäre entkommen.", erklärte Seno. "Das stimmt. Ihr habt uns vorbildlich behandelt. Wir können von Glück reden, daß ihr die Leitung hier übernommen habt.", bestätigte die Magierin. "Herr Hauptmann. Wie stehen ihre Untersuchungen? Wir würden gerne baldigst aufbrechen, die verlorene Zeit auf holen.", wendete sich der Jäger an den Chef der Stadtwache und schaute dabei kurz Emelia beschwörend an. Er hoffte, daß sie ihn unterstützen wird. Er hatte keine Lust hier länger zu verweilen. "Oberwachfeldmeister ist mein Rang. Ich habe meine Untersuchungen abgeschlossen. Die Gäste haben mir übereinstimmend das Gleiche erzählt, somit ist klar, daß sie beiden nur zufällig in die Geschichte reingeraten seid. Ich wünsche Euch eine gute Weiterreise." Schnell hatte man sich verabschiedet und die Herberge wieder verlassen. "Laß uns ein bis zwei Stunden marschieren und dann ein Nachtlager bereiten. Ich will diese Nacht nicht wieder in einem Haus verbringen. Morgen am späten Abend oder aber spätestens Übermorgen sind wir dann auch in Ametar, wo du dich wieder in ein Bett legen kannst."

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Heftig zuckte der Jäger zusammen. "Ja. Ähh. Nun, ich bin auch ein Magier. Ein Erdmagier." gestand er verlegen. Dann ging er schnellen Schrittes los. Überrascht grinste Emelia und folgte ihm. Also noch ein Magier inkognito. Wie viele mögen so durch die Lande ziehen? Anscheinend hatte dieser Erdmagier sich besser unter Kontrolle als sie sich. Sie hatte nicht bemerkt, ja nicht einmal geahnt, dass er ein Magier ist. "Ich wurde aber nie ausgebildet. Man sagte mir, die Magie in mir wäre zu schwach.", sagte Seno nach einer Weile in die Stille hinein. Nicht ausgebildet? Dafür war der Zauber, den er gewirkt hatte, aber schon beeindruckend. Die junge Pyromantin konnte sich nicht vorstellen, wie man das Zaubern ohne einen Mentor lernen könnte. Sie ließ sich etwas zurückfallen und ging hinter Seno her. Bewunderung in den Augen folgte sie ihm. Er hatte sich so gut unter Kontrolle, ohne ausgebildet worden zu sein. Wie hatte er das nur geschafft. Dazu war er noch ein guter Jäger und so erfahren in der Welt. Vielleicht war ja doch etwas dran an dem was so gesagt wird, dass Erdmagier im Allgemeinen gelassener sind und Feuermagier stets sehr emotional und aufbrausend. Vielleicht wurden Pyromanten deshalb gehasst und gefürchtet. Wenn sie so darüber nachdachte, waren alle Pyromanten, die sie kannte, recht temperamentvoll und das war gelinde gesagt noch untertrieben formuliert. Die älteren und weiseren hatten sich meistens besser unter Kontrolle als die jungen und unerfahrenen. Doch wenn ihr heißes Blut mit ihnen durchging, war es in jedem Falle fatal. Kleinere oder größere Explosionen hatte es im Orden in jedem Zimmer schon gegeben. Da gab es keine Ausnahme, auch nicht die Gemächer des Erzkanzlers. Dies war auch ein Grund dafür, warum die Gebäude des Ordens ausnahmslos aus dicken Steinmauern bestehen. Zudem waren die Möbel der Magier, die es sich leisten konnten, feuerfest. Leise kicherte sie in sich hinein. Daher wurde wohl auch offiziell so großen Wert auf Disziplin und Kontrolle gelegt. Vielleicht lernten Pyromanten in Wahrheit auf ihren Reisen, wie sie ihre Temperamentsausbrüche am besten vertuschten, oder mit Diplomatie und Geld wieder in Ordnung brachten. Wieder kicherte sie. Falls dem so wäre, hätte sie diese Lektion bereits gelernt. Darüber würde sie mit ihrem Mentor reden müssen, wenn sie in den Orden zurückkehrte. Ihre Gedanken kehrten wieder in die Gegenwart zurück. Woher wusste Seno eigentlich, welchen Weg sie zurück nehmen mussten? Immerhin waren sie eine ganze Weile durchs Unterholz gerannt. Oder war dieser phänomenale Orientierungssinn eine Gabe, die Erdmagier besaßen? Und woher nahm er die Kraft, den Ritter in voller Montur den ganzen Weg ohne Mühe tragen zu können? Können Erdmagier so was? Sie nahm sich vor, Seno magisch zu sondieren, wenn sie dafür wieder genug Kräfte gesammelt und die nötige Ruhe hatte. Sie war neugierig, was er wohl noch so konnte.
Als sie sich der Herberge näherten, beeilte sich Emelia, Seno zu überholen, der seinen Schritt nicht verlangsamt hatte, um für ihn die Tür zu öffnen. Gelassen bedankte sich dieser mit einem Kopfnicken. Seno folgend betrat sie den Schankraum. Nach wenigen Sekunden des Schweigens schlug ihr der freudige Jubel der Gäste entgegen. So schnell also hatten sie ihre Meinung geändert. Heute Morgen noch hätten sie sie am liebsten gelyncht, nun feierten sie sie. Die Stadtwache war in der Zwischenzeit eingetroffen und nahm Seno seine Last ab. Emelia warnte sie, dass der Mörder wohl magisch begabt sei. Daraufhin zückten zwei der Wachen runenbesetzte Armreifen und steiften sie dem Mörder über die Handgelenke. Unwillkürlich musste Emelia schlucken. Sie hatte von solchen Armreifen bereits gelesen und gehört. Sie entrissen dem Magier, dem sie angelegt wurden temporär seine Magie. Es hieß, dass dies unter großen Schmerzen geschah. Aber es war wohl die sicherste Methode, einen Magier am zaubern zu hindern. Der Mörder hatte Glück, dass er bewusstlos war und die Schmerzen so nicht ertragen musste. Doch würde er nach seinem Erwachen das elende und leere Gefühl zu spüren bekommen, das der Verlust der Magie in ihm hinterließ. Es wurde gemunkelt, dass dieses Gefühl auch noch ein bis zwei Tage, nachdem die Fesseln entfernt wurden, anhielt. Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Ein fünfter, besonders dekorierter Wächter trat auf sie zu und fragte nach ihren Namen. "Senos Baumheiler.", stellte sich Seno vor. "Emelia Falkenheim...", sie überlegte kurz, ob sie erwähnen sollte, dass sie eine Pyromantin ist, entschied sich aber dagegen, da der Wächter nicht danach gefragt hatte. Aus der Menge, die sich um sie herum gebildet hatte, erklang ein "Verzeiht mir.". Erleichtert sah Emelia Herrn Regar vortreten. Sie war froh, dass er überlebt hatte, war er doch ihr einziger Fürsprecher gewesen. Der verletzte Ritter entschuldigte sich bei Seno und Emelia für den Verdacht und die Unannehmlichkeiten. Doch Seno dankte Herrn Regar und lobte sein umsichtiges Verhalten. Emelia bekräftigte diese Aussage und bedankte sich ebenfalls bei dem Ritter. Nun drängte Seno zum Aufbruch. Er fragte den Oberwachfeldmeister, ob die Untersuchungen soweit abgeschlossen sind, dass sie weiterreisen dürften. Oh nein, hat er ihn gerade Hauptmann genannt? Einige Oberwachfeldmeister könnten da sehr, um es vorsichtig zu sagen, ärgerlich werden, wenn sie von Unwissenden degradiert werden. Gespannt hielt Emelia die Luft an. Als dieser Seno korrigierte, atmete Emelia auf. Dieser Oberwachfeldmeister schien sehr gut gelaunt und gnädig zu sein, sie durften sogar umgehend weiterreisen. Erleichtert verabschiedete sich Emelia und verließ mit Seno die Herberge, ehe es sich die Wache noch mal anders überlegte. Anscheinend hatte der Wirt nicht über das Feuer geklagt. Er wird mit dem Begleichen der Rechnung zufrieden gewesen sein. Zufrieden grinste Emelia, so ging das also.
"Lass uns ein bis zwei Stunden marschieren und dann ein Nachtlager bereiten. Ich will diese Nacht nicht wieder in einem Haus verbringen. Morgen am späten Abend oder aber spätestens Übermorgen sind wir dann auch in Ametar, wo du dich wieder in ein Bett legen kannst.", unterbrach Seno ihre Gedanken. "Lieber eine Nacht im Freien mit einem Lagerfeuer, als noch einmal mit einem verloschenen Kamin.", grinste Emelia. "Noch ein Zimmer möchte ich mir nicht leisten. In diesem Gasthaus ist die Asche noch nicht kalt genug." Seno lachte: "Ja, und wir haben hier schon genug Zeit verloren." Siedend heiß fiel ihr nach Senos Worten ihr Auftrag wieder ein. Ein Griff in die Tasche beruhigte sie, das Dokument war noch da. "Stimmt, nix wie weg.", lachte auch Emelia. Rasch brachen sie auf. Erleichtert heile aus dieser Situation herausgekommen zu sein, ging Emelia zügigen Schrittes den Weg entlang. Auch Seno ging schneller als sonst. Der Jäger war wohl froh darüber, endlich aus den engen Räumen raus zu kommen, vermutete Emelia. Unterwegs sprachen sie noch über den Fall, spekulierten, wer der Mörder wohl gewesen ist. Emelia stellte die Hypothese auf, dass das ein Berufsmörder, ein so genannter Assassine, gewesen sein musste. Wer konnte ihn engagiert haben. Würde sie der Fall noch weiter beschäftigen? Und wer waren die Opfer gewesen? Was haben sie wirklich dort gemacht? Was für Geschäfte wollte der fremde Reiter, der wie aus dem Nichts aufgetaucht war und so plötzlich gestorben war, mit den Opfern in Wahrheit abwickeln? Da waren noch so viele ungeklärte Fragen. Nur eines war Pyrrus sei Dank hoffentlich endgültig geklärt, nämlich, dass sie unschuldig waren an dem Mord. Mit Einbruch der Dunkelheit steuerte Seno auf einen Lagerplatz zu, den er sich wohl vorher bereits als Ziel ausgesucht hatte. Er kannte sich in diesen Wäldern wohl bestens aus. Kein Wunder, als Erdmagier, dachte Emelia bei sich. Bald würde sie mehr wissen. Sie hielt es vor Neugierde bald nicht mehr aus. Doch zuerst mussten sie noch ein Feuer machen. ‚Nichts leichter als das', dachte Emelia bei sich: ‚er weiß ja nun, dass ich Pyromantin bin, also brauch ich mich nicht verstecken. Das wird so bedeutend schneller gehen.' "…" Emelia schreckte aus ihren Gedanken, hatte Seno irgendwas gesagt? Schon verschwand er im Wald. Verwirrt sah sie ihm hinterher. ‚Er wird wohl jagen gehen', hoffte sie, um sich zu beruhigen. "Gute Jagd.", rief sie ihm hinterher: "Dann werde ich mal Feuer machen." Sie sammelte Feuerholz und schichtete es zu einem Lagerfeuer auf. Sie dachte auch daran, ein paar Steine mit hinein zu legen. Mit einer größeren Geste und etwas Gemurmel trocknete sie den gesamten Stapel Holz. Wieso konnten Magier nicht ganz normal durch die Welt wandern? Wieso mussten sie sich immer zusammenreißen und durften sich nicht zeigen? Wieso hatten die Leute Angst vor ihnen? Vorsichtig und kontrolliert entzündete sie einen Holzscheit in ihrer Hand und entfachte damit dann das Lagerfeuer. Was war daran so schlimm? Entspannt setzte sie sich neben das Lagerfeuer und betrachtete das Flammenspiel. Kurze Zeit später kam Seno zurück mit einem Meloghe in der Hand. Emelia merkte jetzt, wie hungrig sie war. Sie freute sich beim Anblick des Tieres bereits auf den Braten. Der Jäger wollte wieder kurz das Feuer löschen, um die Steine heraus zu holen, doch Emelia hielt ihn zurück: "Das ist nicht nötig, ich kann Flammen nicht nur erzeugen, sondern auch bannen." Sie lächelte und bannte das Feuer zuerst auf einer Seite, darauf wartend, dass Seno die Steine herausnahm. ‚Was braucht er denn so lange?', dachte sie bei sich: ‚So einfach wie es aussieht, ist es auch nicht.' Endlich nahm er die Steine aus der ersten Hälfte des Feuers. Mit einigen Handbewegungen und einem beruhigenden Murmeln bewegte Emelia das Feuer dann auf die andere Seite, so dass der Jäger die Steine auf der anderen Seite herausnehmen konnte. Danach ließ sie das Feuer wieder frei. Die Pyromantin grinste. Der Meloghe briet über dem Feuer. Vor Neugier hielt es Emelia nun nicht mehr aus: "Seit wann weißt Du es? Wie hast Du es bemerkt?" "Seitdem der Ritter…" begann Seno. "Nein, das meine ich nicht", unterbrach ihn die Pyromantin. "Wann und wie hast Du bemerkt, dass Du ein Erdmagier bist? Ich meine, bei mir war das einfach, ich bin die Tochter einer Feuermagierin, da bestand von Anfang an gar kein Zweifel, dass ich auch Pyromantin werden würde, und so wurde ich von klein auf ausgebildet…", plapperte sie drauf los.

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Er schritt weit aus. Heilfroh, lebend aus der Sache gekommen zu sein, war sein Ziel nun sich so weit es geht vom Ort des Geschehens zu entfernen. Emelia stimmte Seno zu, auch auf Ihrem Gesicht war die Erleichterung zu sehen, so gingen sie die ganze Zeit stumm daher. Ein jeder in seinen Gedanken verloren. Gut, daß Emelia ihr Feuer so gut beherrscht, überlegte sich Seno. Sonst wäre die Sache ganz anders ausgegangen. Das Schild war besser, als alles was ich je gesehen habe. Seno hing weiter seinen Gedanken nach und führte sie dabei dicht an ihr Ziel. Die Nacht brach ein, ihr Ziel noch zu weit weg, da mußte ein Lagerplatz gefunden werden. Was sich aber als leichter heraus stellte, als vermutet. Bald schon sah Seno die Spuren vergangener Lager. Schnell fand er durch die Brotkrumen eine Stelle, die noch keiner benutzt hatte, aber doch einen guten Lagerplatz abgeben würde. "Machst du bitte Feuer, Emelia? Ich werde derweil unser Abendessen schießen.", erklärte Seno und ging los. "Gute Jagd.", rief seine Begleitung ihm zu. Nach der Jagd wurde er Zeuge der erstaunlichen Fähigkeiten von Emelia. Sie befahl dem Lagerfeuer sich auf eine Seite zu bewegen, damit er die Steine, die sie vorsorglicher Weise reingetan hatte, heraus nehmen konnte. Es war fantastisch anzusehen, wie die Flammen dem Diktat der Frau gehorchten... und beängstigend. Seno verstand beim Spiel der Flammen, wieso Pyromanen so gefürchtet waren. Das Feuer, so wichtig es auch ist, umgibt immer den Hauch der Gefahr, der Zerstörung. Da waren die Menschen, die es verstanden das Feuer zu befehlen, natürlich auch gefährlich. Seno dagegen, dachte eher gegenteilig. Irgendwie bedauerte er diese Feuermagier. Sie erinnerten ihn stark an seine Kindheit, an seine Einsamkeit, die Lästereien und Streiche der anderen Kinder. Die beängstigen Blicke ihrer Eltern und an die unzähligen Male, als mal wieder einer seiner Freunde ihn nie wieder sehen durfte. Ja, es war richtig, seiner Magie ab zu schwören, überlegte sich Seno und fing an den inzwischen gehäuteten Meloghe zu braten. Emelia fing derweil an, ihn mit Fragen zu traktieren. Sie war neugierig darauf, zu erfahren, wie er ein Magier wurde, wo er es gelernt hat und ähnliches. Er ließ sie ausreden, all ihre Fragen stellen und überlegte sich derweil, ob er ihr überhaupt etwas erzählen soll. Letztendlich fand er aber doch, daß sie ein Recht etwas zu erfahren. "Du weist ja sicher, daß ein jeder seine Magie von seinen Eltern bekommt. Nur wie stark die eigenen Fähigkeiten werden ist Zufall. So kann es auch passieren, daß ein oder sogar zwei Generationen fast keine Magie da ist, bis es dann wieder voll durchschlägt." "Jaja, das weis doch jeder.", unterbrach ihn Emelia, aufgeregt seine Geschichte zu hören. "Nun, meine Eltern besaßen keine Magie. Oder besser gesagt, sie wußten beide nichts davon, so kann ich bis heute auch nicht sagen, von welchem Elternteil ich meine Magie habe, da meine Großeltern alle früh gestorben sind und ihren Kindern nie verraten hatten, ob sie Magie konnten. Andererseits suchte darum auch keiner bei mir nach Magie." Das Fleisch war fertig und Seno verteilte es. "Irgendwann in meiner Kindheit hab ich dann einen aus Dreck und Erde gebauten Matschmenschen gehen lassen." "Gehen lassen?", kam ein erstaunter, ja entsetzter Zwischenruf. "Nicht richtig. Er bewegte nicht seine Beine oder so. Nein, er schob sich vorwärts, ohne daß ihn einer berührte. Kannste dir vorstellen, wie ich da behandelt wurde. Mein ganzes Stadtviertel kam und trug mich begeistert zum Ortsansässigen Magierorden. Ich hab aber nur geweint, war noch zu klein um die ganze Aufregung zu verstehen. Nun die Magier untersuchten mich, verloren aber sofort wieder das Interesse. Meinten, ich hätte kaum Magie in mir, würde nie was bewegen können. Das war es dann auch mit meiner Magierkarriere. Sie wollten mich nicht ausbilden und so hab ich mir selber ein paar kleine Tricks beigebracht. Aber viel mehr als den Boden zu erheben hat nie geklappt." "Das ist aber schade. Zeig doch mal was." "Nein, das möchte ich nicht. Ich habe meiner Magie abgeschworen. Nur noch in einem Notfall will ich sie nutzen." "Och, bitte.", flehte Emelia, doch dann, ehe Seno erwiderte: "Nein, ist schon gut. Ich kann deine Entscheidung akzeptieren, wenn auch nicht ganz verstehen." "Aber wie steht es mit dir? Du bist noch so jung. Bist du schon voll ausgebildet?" "Ich.." Da raschelte es im Gebüsch. Sofort hatte Seno seinen Bogen in der Hand. Zeitgleich wurde das Lagerfeuer größer. Der Feuerschein reichte jetzt bis zum Waldrand und man konnte deutlich einen Mann in einer Priesterrobe sehen. Dieser sprach auch sofort: "Verzeiht mein Auftreten. Ich grüße Euch im Namen Obwagt." Seno sprang sofort auf, ließ seinen Bogen liegen, verkreuzte seine Hände vor der Brust und verneigte sich ehrfürchtig. Im Augenwinkel bemerkte er, daß auch Emelia aufgestanden war und dem Priester begrüßt hatte. "Setzt Euch zu uns und teilt mit uns unser Lager.", sprach Emelia auch sogleich. Langsam machte sie sich, lernte worauf es in der Wildnis ankam. Natürlich war ihr Gespräch damit beendet und man unterhielt sich nur noch über belangloses. Auffällig war es, daß während Seno den Jagdgott als seinen Gott angab, Emelia behauptete, auch dem Obwagt an zu gehören. Seno mußte, als er dieses hörte grinsen. Geschickt hatte die Magierin nicht gelogen. War doch Obwagt der Obergott des Hozitenglaubens zu dem auch Pyrrus gehörte. Der Abend wurde alsbald beendet und man fing an sich zur Nachtruhe zu begeben. "Last den Edlen Mann eine Seite für sich. Wir legen uns auf diese Seite des Feuers.", erklärte Seno dabei. "Ich bin kein edler Mann, mein Schüler. Ich bin nur ein Diener des Herren.", berichtete der Priester ihn sofort. Seno entschuldigte sich, ehe er sich nieder legte.

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"…und bin natürlich im Orden aufgewachsen, umgeben von anderen jungen Pyromanten. So lernte ich von Anfang an Disziplin, Kontrolle und den Umgang mit meinen Fähigkeiten." Emelia merkte, dass nur sie redete, daher fragte sie nochmals nach: "Wurden deine Kräfte irgendwann entdeckt? Oder hast Du selbst es zuerst bemerkt? Bist Du auch in einem Orden aufgewachsen?" Nun ließ sie bewusst eine Pause, um Seno Gelegenheit zu geben, zu antworten. Der junge Erdmagier begann zu erzählen, dass Magie vererblich war und auch mal ein, zwei Generationen überspringen kann, und dass die Stärke der eigenen Magie vom Zufall abhängig wäre. "Jaja, das weiß doch jeder.", versuchte die Pyromantin neugierig seine Ausführungen zu beschleunigen. Auch wenn sie nicht der Ansicht war, dass die Stärke der eigenen Magie nur dem Zufall überlassen war. Diese hing von so vielen Faktoren ab, dass es manchmal wie Zufall erschien, doch sie war es nicht. Es hing ab vom Potential in der Erblinie, ob es genutzt worden war oder nicht, war dabei unerheblich, von der Qualität und Dauer der Ausbildung, von dem festen Willen, diesen Weg zu beschreiten, vom Sternbild unter dem man geboren war, davon, ob der betreffende Gott einem wohl gesonnen war, oder eben nicht, und vielem mehr. "Nun, meine Eltern besaßen keine Magie.", fuhr Seno fort: "Oder besser gesagt, sie wussten beide nichts davon, so kann ich bis heute auch nicht sagen, von welchem Elternteil ich meine Magie habe, da meine Großeltern alle früh gestorben sind und ihren Kindern nie verraten hatten, ob sie Magie konnten. Andererseits suchte darum auch keiner bei mir nach Magie." Gespannt hörte Emelia zu. Auch der fertige Braten konnte sie nicht davon ablenken. Sie aß ganz nebenbei. "Irgendwann in meiner Kindheit hab ich dann einen aus Dreck und Erde gebauten Matschmenschen gehen lassen.", erzählte der Erdmagier weiter. "Gehen lassen?", unterbrach ihn die Feuermagierin erstaunt und erschrocken. Er konnte Matsch Leben einhauchen und hatte sein Geschöpf in die Welt ziehen lassen?! Sie hatte ja schon von Erdmagiern gehört, die so etwas vollbringen konnten, aber das waren nicht viele. Manchmal beneidete sie Magier von anderen Orden. Diese konnten Dinge oder Leben erschaffen, alles, was sie konnte, war zerstören. Sie hatte als Kind ihr Stofftier in Brand gesteckt und es weggeworfen. Seno berichtete weiter: "Nicht richtig. Er bewegte nicht seine Beine oder so. Nein, er schob sich vorwärts, ohne dass ihn einer berührte." Als ob es von Bedeutung wäre, wie sich sein Geschöpf fortbewegte, dachte sich Emelia, aber gut. Gespannt lauschte sie weiterhin, den Erzählungen von Seno: "Kannste dir vorstellen, wie ich da behandelt wurde. Mein ganzes Stadtviertel kam und trug mich begeistert zum Ortsansässigen Magierorden. Ich hab aber nur geweint, war noch zu klein um die ganze Aufregung zu verstehen." Verständlicherweise, dachte Emelia, das war ja auch eine tolle Leistung von einem Kind gewesen. "Nun die Magier untersuchten mich, verloren aber sofort wieder das Interesse. Meinten, ich hätte kaum Magie in mir, würde nie was bewegen können. Das war es dann auch mit meiner Magierkarriere. Sie wollten mich nicht ausbilden und so hab ich mir selber ein paar kleine Tricks beigebracht. Aber viel mehr als den Boden zu erheben hat nie geklappt.", schloss Seno seine Ausführungen ab. Er war tatsächlich niemals ausgebildet worden? Wie hatte er dann überhaupt etwas lernen können? Woher hatte er Wissen beziehen können? Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ein Orden jemanden, auch wenn man kaum Magie bei ihm feststellen konnte, abgewiesen worden war. Im Orden des Pyrrus war es Pflicht, jeden, der auch nur ein kleines Flämmchen hervorbringen konnte, auszubilden. Schon zur Sicherheit der Bevölkerung war dies notwendig. Von ausgebildeten Pyromanten ging schon eine Gefahr aus, aber nicht ausgebildete bargen ein immenses Gefahrenpotential. Einige Pyromanten würden daher niemals in den Rang eines Meisterpyromanten aufsteigen, da ihre Fähigkeiten einfach nicht ausreichten, oder würden gar immer Schüler bleiben, doch sie unterlagen damit stets der Kontrolle des Ordens. Konnten es sich andere Orden leisten, potentielle Magier unausgebildet durch die Welt streifen zu lassen? Wie kam es dann, dass ausgerechnet die Pyromanten solch einen schlechten Ruf hatten? Gut, keiner wagte es, sich ohne Vorsichtsmassnahmen mit ihnen anzulegen, aber niemand lud sie in sein Haus. Vielleicht konnte sie Senos Potential einschätzen, wenn er nochmals einen Zauber wirkte. Im Kampf war das einfach zu überraschend gekommen und sie hatte nicht genügend Konzentration und Kraft übrig gehabt für solch einen Prüfzauber. Diese Art von Zaubern fiel Pyromanten im Allgemeinen nicht so leicht, da sie nichts mit Flammen zu tun hatten. "Das ist aber schade. Zeig doch mal was.", forderte sie den Erdmagier auf. "Nein, das möchte ich nicht. Ich habe meiner Magie abgeschworen. Nur noch im Notfall will ich sie nutzen.", wehrte dieser ab. "Och, bitte.", wiederholte sie ihre Aufforderung im Reflex. Dachte dann aber darüber nach und kam zu dem Schluss, dass sie niemanden zur Magie zwingen wollte. Wer weiß schon was für Dinge Erdmagiern so passieren können. Wenn ein Feuermagier nicht zaubern will, hat er meistens einen ziemlich triftigen Grund dafür. Also zog sie ihre Aufforderung zurück: "Nein, ist schon gut. Ich kann Deine Entscheidung akzeptieren, wenn auch nicht ganz verstehen." Wie konnte sich jemand freiwillig dazu entscheiden, sein Potential nicht zu erforschen, sondern verkümmern zu lassen? Was mochte ihm Geschen sein, das ihn zu solch einer Entscheidung veranlasst hat? Wie stark mussten seine Kontrolle und sein Geist sein, dass er sich an diese Entscheidung so konsequent halten konnte? Einem Feuermagier würden trotz so einer Entscheidung immer wieder ein paar Flammen hier oder da entkommen. Einer ihrer Mitschüler hatte aufgrund eines Unfalls ebenfalls solch eine drastische Entscheidung getroffen. Nun er hatte es zumindest versucht. Bewusst hat er damals nicht mehr gezaubert, dafür aber unbewusst umso mehr. Er hatte mehrfach in Alpträumen sein Zimmer in Brand gesteckt, bevor die Mentoren es schafften, seine unterbewusste Zündelei in geordnete Bahnen zu lenken. Sein unbewusstes Zündeln wurde erst geheilt, als er seine Entscheidung rückgängig machte, und zumindest alle zwei Tage im Übungsraum ein paar Feuerbälle von sich gab. Kontrolle war möglich, Unterdrücken nicht, hatten sie damals alle aus diesem Vorfall gelernt. "Aber wie steht es mit Dir? Du bist noch so jung. Bist Du schon voll ausgebildet?" Senos Frage riß sie aus ihren Überlegungen. Spontan grinste sie. Wie konnte er so etwas glauben, nachdem sie den Schrank in Brand gesteckt hatte? Für Feuermagier gab es immer etwas zu lernen und zu trainieren. Bevor sie als Wanderer in die Welt entlassen wurden, hatten sie etliche Tests und Prüfungen zu bestehen. Davon, war sie noch weit entfernt, war Emelia überzeugt. Und selbst dann hatten sie noch viel zu lernen. Man könnte sagen, damit wäre die Ausbildung im Orden abgeschlossen, aber die in der Welt begann damit erst. Am ehesten eine wirklich abgeschlossene Ausbildung hatten die Pyromanten, die als Mentoren in den Orden zurück berufen wurden. Diese wurden nicht selten in den Rang eines Meisters erhoben. Aber auch diese mussten ihre Fähigkeiten und die Kontrolle derselben ständig weiter trainieren. Sie überlegte, wo sie anfangen sollte, Seno diese komplexe Ausbildung zu erklären, und wo sie sich darin befand. Schließlich begann sie: "Ich…", wurde aber von einem sich nähernden Geräusch im Gebüsch unterbrochen. Während Seno den Bogen zückte, vergrößerte sie das Lagerfeuer mit einem kleinen Wink ihrer Hand. Ein Priester stand am Waldesrand. Emelia war überrascht, einen Mann Obwagts mitten in der Wildnis allein reisend anzutreffen. Was hatte er alles schon gehört und, sie schalt sich im stillen, gesehen. Hoffentlich war ihre Handbewegung unauffällig genug gewesen. Als der Feuerschein ihr erreichte grüßte der Priester sie: "Verzeiht mein Auftreten. Ich grüße euch im Namen Obwagt." Wie grüßte man einen Priester, ohne sich als Magier zu erkennen zu geben? Normalerweise genügte ihr ein Kopfnicken, doch das würde sie in dieser Situation verraten. Einem ihr fremden Priester wollte sie sich nicht gleich zu erkennen geben. Sie achtete auf Senos Begrüßung und ahmte sie schnell nach. Um eventuelle kleine Fehler zu vertuschen, lenkte sie von den Förmlichkeiten ab, indem sie den Priester einlud, sich zu ihnen zu gesellen. Das nun folgende Gespräch war selbstverständlich von einem ganz anderen Thema geprägt. Mit einem Priester in der Runde ging es natürlich um Götter und Glauben. Irgendwann fragte dann der Priester, an wen sie glaubten. Seno glaubte an den Jagdgott. Emelia überlegte kurz, doch wenn si zugab, Pyrrus anzurufen, war es doch sehr verräterisch. Diesem Gott huldigten offen fast nur die Pyromanten. Also sagte sie, dass sie an Obwagt glaubt. Was ja auch stimmte. Immerhin war Obwagt der Vater des jungen ungestümen Gottes Pyrrus und wer an den Sohn glaubt, glaubt natürlich auch an den Vater. Das brauchte sie ja nicht laut zu sagen. Bald begaben sie sich zur Nachtruhe. Der Priester auf einer Seite des Feuers, Seno und Emelia auf der anderen Seite. Die Pyromantin hatte Senos Vorschlag zugestimmt, da sie so einfacher ihren kleinen Prüfzauber wirken konnte, ohne zu sehr von dem Priester beobachtet werden zu können. Sie würde behutsam vorgehen müssen, um sich dem Priester nicht zu offenbaren.
Mühsam geduldig wartete Emelia bis die beiden schliefen. Als sie sich sicher war, das sowohl der Jäger als auch besonders der Priester tief und fest schliefen, setzte sie sich auf und nahm ein gelblich orangenes Pulver und zwei edle Steine aus ihrem Beutel. Sie zerrieb das Pulver zwischen ihren Händen. Danach nahm sie je einen Stein in je eine Hand. Aufrecht sitzend begann sie tief durchzuatmen. Sie schloss ihre Augen, um sich noch besser konzentrieren können. Ihre Hände schlossen sich fest um die Steine. Die Luft um sie herum begann zu flimmern. Sie versank in tiefer Konzentration. Nach ungefähr einer halben Stunde hatte sie genügend magische Kraft angesammelt, um diesen Zauber zu wagen. Weiterhin tief durchatmend öffnete sie gesammelt ihre Augen und betrachtete den Erdmagier. Vorsichtig zupfte sie an seiner Aura. Schicht um Schicht tastete sie sich vor. Hier und dort konnte sie ein wenig Magie ausmachen, doch unzusammenhängend und verkümmert, sogar so schwach, sie keiner Magielinie zuordnen zu können. Beinahe etwas enttäuscht beendete sie nach einer weiteren halben Stunde ihren Prüfzauber. Erschöpft verstaute sie die Steine wieder in ihrer Tasche und rieb sich die letzen nun geschwärzten Pulverreste von den Händen. Schweiß tropfte ihr von der Stirn. Mit ihrem Mantel wischte sie ihn ab. Dann legte sie sich hin und schlief ausgelaugt schnell ein. Als sie am Morgen erwachte war die Erschöpfung noch immer nicht ganz gewichen. Der Priester schien seit geraumer Zeit wach zu sein. Er hatte einen kleinen mobilen Altar errichtet und betete murmelnd zu Obwagt. Auch Seno war bereits wach und packte seine Sachen zusammen. Als sie sich aufrichtete sah er kurz zu ihr rüber und nickte ihr ein stilles ‚Guten Morgen' zu. Emelia nickte zurück. Sie wollten den Priester nicht stören. Leise räumte auch sie ihre Sachen zusammen. "Lasset euch von Obwagt den Morgen segnen.", schall es fröhlich zu ihnen herüber. Der Priester hatte sein morgendliches Gebet anscheinend beendet. "Gesegnet sei auch euer Morgen.", erwiderte Seno zügig. Emelia folgte wieder seinem Beispiel. Beim anschließenden Frühstück stellten sie fest, dass auch der Priester nach Ametar unterwegs war. Na wunderbar, dachte Emelia bei sich, nun haben wir einen Priester an der Backe, sagte aber nichts laut. Seno würde ihn wohl einladen, das Stück gemeinsam zu reisen. So könnte sie ihre Neugierde nicht weiter befriedigen. Wenn der Priester dabei war, würden sie gewiss nicht mehr über Magie reden können, dabei wollte sie doch noch so viel wissen. Äußerlich lächelte die Pyromantin, während sie innerlich langsam zu kochen begann. Als sie dies bemerkte, begann sie tief durchzuatmen und eine kleine Konzentrations- und Beruhigungsübung durchzuführen. Glücklicherweise waren ihre Bemühungen auch von Erfolg gekrönt.

23

Die ersten Sonnenstrahlen durchbrachen das Blätterdach als Seno erwachte. Er fühlte sich ausgeschlafen und frisch. Der Priester war schon wach und betete an seinem mitgebrachten Altar, bemerkte gar nicht, wie Seno sich erhob. Der Jäger ließ den Priester in Ruhe, zwar überlegte er sich zuerst mit dem Priester mit zu beten, verwarf diesen Gedanken dann aber sofort. Stattdessen begab er sich in den Wald um ein paar Beeren zum Frühstück zu pflücken, dessen Strauch er letzten Abend zufällig ganz in ihrer Nähe entdeckt hatte. In einem Tuch die Beeren eingeschlagen, kam er wenig später wieder, wobei sein Blick die noch schlafende Emelia traf. Sie schlief heute bedeuten länger als gewöhnlich. Das Ritual, welches sie heute Nacht gemacht hatte, war sehr anstrengend, wie er aus der Beobachtung gesehen hatte. Schnell bereitet er das schlichte Frühstück vor und fing dann an seine Sache ein zu packen. Dabei verursachte er wohl zu viele Geräusche, den Emelia erwachte gerade in dem Moment, wie er mit dem packen anfing. Sie grüßen sich stumm, den Priester nicht störend und packten nun beide ein. Nachdem der Priester sein Gebet beendet hatte, setzten sie sich alle hin und aßen ihr Frühstück, was sie wie üblich untereinander teilten. "Ich habe leckeres Bafbrot." Emelia nahm es gerne an, doch Seno schlug es aus. "Danke, aber ich habe noch dieses alte Pökelfleisch zu essen. Wir kommen heute nach Ametar und da möchte ich gerne meine Vorräte auffrischen." "Nach Ametar? Welch göttlicher Zufall. Auch meine Schritte lenken mich in das Dorf Ametar. Während ihr eventuell bereit mich mit zu nehmen, wir könnten uns noch ein wenig unterhalten." "Es wäre uns eine Ehre."; erwiderte Seno und auch Emelia stimmte dem zu. Wer verweigerte sich schon einen Priester so eine leichte Bitte. Dabei fiel Seno auf, daß der Priester seinen Namen nicht gesagt hatte. "Verzeiht, Priester des Obwagt. Mir ist leider Euer Namen entfallen." "Das kommt, weil ich ihn Euch nicht nannte.", mit einem Lächeln stand der Mann auf und packte seine Sachen. Emelia und Seno schauten sich fragend an, beließen es dann aber dabei. Bald schon brachen sie auf, den restlichen Weg ihrer Reise hinter sich zu bringen. "Was meinst du, wann wir in Ametar ankommen werden?", fragte Emelia interessiert. "Es ist nur noch ein kurzer Weg. Noch weit vor der Mittagszeit werden wir die Stadt erreichen.", erklärte Seno. "Ihr ward schon einmal da?", warf der Priester ein. "Ich bin schon viel rumgekommen.", versicherte Seno. "Ich weiß sogar, daß in Ametar eine Kirche des Herates-Glauben existiert." Mit dieser Bemerkung hatte es Seno geschafft, daß der Priester ein Monolog über Glauben im Allgemeinen und dem ‚richtigen Glauben' im speziellen führte. Seno tat zwar so, als hörte er hin, aber in Wahrheit hatte er diese Rede provoziert, um seinen Gedanken nach zu kommen. Er war bald wieder in einer Stadt und mußte da auch noch eine Person suchen, keine schönen Aussichten.
Die kleinen Stadttore standen weit offen, als die Reisegruppe sie erblickten. "Wir sind da.", erklärte Seno überflüssiger Weise. "Die ist ja klein.", bemerkte Emelia verwundert. "Ja, sie ist etwa nur ein viertel von Ergotar. Wir werden uns sicher nicht verlaufen.", erklärte der Jäger grinsend. "Und da steht meine Kirche, seht ihr die Herrlichkeit, die sie ausstrahlt." Der Priester zeigte auf das größte Gebäude in der Mitte der kleinen Stadt, die kaum größer war als ein Dorf. "Kleiner als unser Ordenhaus in Ergotar", flüsterte Emelia leise zu Seno, was diesen kichern ließ. Laut sprach er: "An der Stadtmauer trennen sich unsere Wege. Danke, daß ihr mich begleitet habt. Emelia. Gibt es hier ein Ordenshaus, oder mußt du noch eine Herberge suchen?" "Nein, ein Ordenshaus gibt es hier nicht. Ich werde mir noch eine Übernachtungsgelegenheit suchen müssen. Doch zuerst will ich meine Aufgabe erfüllen." "Dann würde ich mich freuen, wenn du anschließend zur ‚Theke des Mets' kommst, wo ich heute Nacht verweilen werde." "Dies kann ich gerne tun. Wie finde ich die Herberge?" "Sie liegt genau an der großen Strasse, welche quer durch die Stadt führt. Sie ist nicht zu über sehen." Man verabschiedete sich und alsbald sie die Stadtmauer passiert hatten, ging ein jeder seines Weges.
"Seno?", zischte eine Stimme gepreßt. Der Jäger drehte sich um und erblickte einen dürren Mann mit einer Spitznase und eng zusammen liegenden Augen. Wieso traf man solche Leute immer in der schäbigsten Gosse? Stöhnend folgte Seno dem Mann in eine einsame Gasse, die vor Abfälle stank. "Hast du es?", wurde er auch sofort gefragt. "Ja, aber beweis zuerst, daß du der Richtige bist." Seno hielt dem Gegenüber das mitgebrachte Buch entgegen. Der Mann grinste indem er nur eine Seite seines Mundes nach oben zog und legte seine Hand auf das Buch. Sofort fing das Buch an in einem schwachen Grün zu leuchten. "Ok, meine Aufgabe ist erfüllt." "Deine erste Aufgabe! Du hast mich zu erwarten." "Ja, ich weis. Bekomm ich schon eine Anzahlung?" Der Mann lachte trocken auf. "Was glaubst du, wer du bist. Du wirst erst bezahlt, wenn alle deine Aufgaben erfüllt sind und nicht eher." "Ich habe aber Unkosten." "Schweig du Narr. Du hast den Auftrag angenommen, jetzt führ ihn auch aus. Wir treffen uns morgen früh wieder. Wenn die Sonne aufgeht, kommst du hier wieder hin. Ich gebe dir dann was und das bringst du zurück. Hast du verstanden?" "Ich kenne meine Aufgabe. Aber hier komme ich nicht wieder hin. Ich übernachte in der ‚Theke des Mets' bring es mir dahin." "Du wagst es mir zu widersprechen?", Seno's Gegenüber ließ das Buch in einen giftigen, dunklen Grünton erleuchten. "Nein. Aber glaubst du nicht, morgen früh könnte es auffallen, wenn sich zwei Gestalten in einer Gasse treffen?" Das Glühen ließ nach. "Du hast vermutlich recht. Gut, ich komme morgen früh zu dir. Aber wehe du bist nicht da! Ich werde spätestens zur Mittagsstunde da sein." "So spät?" Das Buch fing wieder an zu glühen. "Ok, ich denke das bekomme ich hin." Die Spitznase grinste verächtlich und ging tiefer in die dunkle Gasse, wo er bald nicht mehr zu sehen war.
Seno begab sich in die besagte Herberge und nahm sich ein Zimmer. Anschließend setzte er sich in den Schankraum um ein wenig zu trinken. Wieso mußte er auch immer solche Aufträge bekommen? Seno haßte seine Arbeit. Doch war wiederum glücklich durch hier viel Zeit zu haben. Zeit die er gerne für Reisen verwendete.
Am fortgerückten Abend, Seno hatte bereits zu Abend gespeist, kam Emelia in die Herberge rein. Sie bekam vom Wirt ein Bett in Seno's Zimmer zu gewiesen. Nachdem sie ihr Gepäck nach hinten gebracht hatte, setzte sie sich zu Seno und trank mit ihm. Diesmal aber alkoholfreies, was Seno lächelnd bemerkte "Emelia, erzähl mir doch einmal, wie die Magiearten zusammen hängen. Ich habe gehört, jegliche Magie soll eine Verbindung haben." Emelia sah ihn an, als wäre er ein Kind. "Das du an so etwas glaubst, hätte ich nicht für möglich gehalten. Natürlich sind die Magiearten ganz unterschiedlich." Dann erzählte sie von Elementmagie, die zusammen gehört und von den meisten genutzt werden. Von Beschwörungsmagie, die nichts mit der Elementmagie eins hat, von Spruchmagie, die keine wirkliche Magie ist, da sie nur mit einem Fokus funktioniert, von Illusionsmagie und von der Vermutung es gäbe noch mehr Arten von Magie auf der Welt, die man noch nicht kenne. "Wenn ein Buch glüht. Was ist dies für eine Magie?", fragte Seno schließlich, als Emelia fertig war. "Glüht? Wie? Beschreib es mal." "Na, das Buch glühte grün, während der Magier seine Hand drauf hielt. Unterschiedlich stark, als ob er es steuerte." "Welches Buch? Das Buch, daß du überbringen solltest?", fragte Emelia, gut kombiniert. "Ja." "hmm, dies kann verschiedene Ursachen haben. Das Buch kann mit Magie versehen gewesen sein, daß es glüht, wenn der Richtige es in der Hand hat. Oder es glüht als Warnung. Oder dem den du es gegeben hatte, hat es nur als Illusion zum Glühen gebracht. Auch andere Möglichkeiten gibt es. So kann ich wirklich nicht sagen, was es war.. Schade, daß du es mir nicht gegeben hast. Ich hätte es mir gerne angesehen." "Ich hielt es für nicht besonders, na ja außer für teuer." "Vielleicht hätte es uns schon stutzig machen sollen, daß es in einer fremden Sprache geschrieben wurde." "In einer fremden Sprache?" "Ja. Hast du es selber nicht gelesen? Herr Regar sagte es mir." "Ich kann nicht lesen." "Tschuldigung, ich vergaß, daß viele nicht lesen können." Sie redeten noch eine Weile, bis sie sich zu Bett begaben.
"Du mußt also zurück?", fragte Seno schmatzend beim Frühstück. "Ja, meine Aufgabe ist erfüllt. Schade, daß du noch hier bleiben mußt. Deine Begleitung war sehr hilfreich für mich." "Nun, wenn der Zufall es will, werden wir uns wieder sehen." Emelia nickte. Sie verspeisten den Rest, als die Tür des Raumes aufgestoßen wurde, daß die Tür an der Wand krachte. Ein jeder starrte verwundert hin. Ein Junge, wohl so um die 14 Jahre, trat ein. Hektisch sah er sich um, erblickte Emelia und rannte zu ihr hin. Seno sah, daß Emelia bereits stand und den Jungen erstaunt ansah, sie kannte ihn wohl. Vor Hektik, achtete der Junge nicht ganz auf seine Füße und stolperte auf halbem Wege und schlug der Länge nach hin. Schnell sprang er wieder auf und legte die letzten Meter zurück.

24

"Es wäre uns eine Ehre.", hörte sie Seno sagen. ‚Na, prima", dachte Emelia bei sich: ‚Wie ich's befürchtet hatte.' Sie seufzte, stimmte aber zu, mit dem Priester zu reisen. Ihre Neugier brannte in der Pyromantin, doch ihr wurde nun klar, dass sie sie wohl nicht löschen werden könnte. Wenn sie ihren Auftrag erledigt hätte, würde sie in den Orden nach Ergotar zurückkehren. So hätte sie wohl keine Chance mehr, mehr über Seno, den Erdmagier zu erfahren. Sie hörte Seno den Priester nach seinem Namen fragen, doch dieser nannte ihn nicht. Verwundert sah sie zu dem Priester, der lächelnd seine Sachen zusammenpackte. Ihr erstaunter Blick wanderte zu Seno, der sie genauso fragend ansah. Das war ein seltsamer Priester, der seinen eigenen Namen verschwieg. Vielleicht konnte sie ihn auch nur nicht leiden, weil er ihrer Neugier im Wege war. Beim Aufbruch fragte Emelia Seno, wie weit es noch nach Ametar sein würde, wobei sie insgeheim wiederum bedauerte, dass sie ihr interessantes Gespräch vom Vorabend nicht fortsetzen konnten. Sie erfuhr vom Jäger, dass der Weg nach Ametar kurz sein würde und sie die Stadt noch vor der Mittagszeit erreichen würden. Der nervige Priester warf die Frage ein, ob Seno schon in Ametar gewesen sei. Da dieser es bejahte und hinzufügte, dass er auch eine Herates-Kirche dort kannte, gab er dem Priester eine Gelegenheit für einen langen langweiligen Monolog über den Glauben. Innerlich schrie Emelia auf, wie konnte Seno diesem Priester nur so eine Vorlage geben? Gelangweilt hörte Emelia des Priesters Geschwätz schon seit geraumer Zeit zu. Seno schien das Geplapper sogar zu interessieren. Zum Glück war es nicht mehr weit nach Ametar. An diesem Gedanken hielt sie sich fest. Noch nie hatte sie jemandem zuhören müssen, der so viel Langweiliges erzählen konnte. Hoffentlich waren sie bald da, sonst könnte sie für nichts garantieren. Genervt ließ sie sich etwas zurückfallen, so dass sie hinter den beiden ging. So musste sie wenigstens nicht die ganze Zeit höflich und heuchlerisch lächeln, während der Priester sie zutextete. Ob ihr jemand glauben würde, wenn sie behauptete, den Priester in Notwehr verdampft zu haben? Sie entschied sich dagegen. So etwas würde ihr niemand glauben. Bald würden sie nach Ametar kommen und dort würde sie diesen nervigen Priester loswerden, beruhigte sie sich. Sie versuchte sich den Rest des Weges mit tiefem Durchatmen und Konzentration zu beruhigen, oder wenigstens abzulenken. Voller Vorfreude beschleunigte Emelia ihre Schritte als sie in Sichtweite einer kleinen Stadt kamen. Das musste Ametar sein. Das hoffte sie zumindest. Eigentlich kam ihr diese Stadt reichlich klein vor. Sie hatte sich Ametar größer vorgestellt. Erleichtert hörte sie Seno: "Wir sind da.", sagen, als sie vor dem kleinen Stadttor ankamen. Trotzdem entschlüpfte ihr ein: "Die ist ja klein." Grinsend erklärte ihr der Jäger, dass Ametar etwa ein Viertel so groß war wie Ergotar, als der Priester störend zwischen ihnen hindurch schritt: "Und da steht meine Kirche, seht ihr die Herrlichkeit, die sie ausstrahlt." ‚Als ob das einer hören wollte', dachte Emelia bei sich, musste aber unwillkürlich grinsen, als sie Seno zuflüsterte, dass diese Kirche kleiner als ihr Ordenshaus sei. Auch Seno nahm dies als Anlass zur Heiterkeit. Der Priester ging derweil weiter auf seine Kirche zu. Endlich waren sie ihn los. Herzlich verabschiedeten sich Seno und Emelia, schließlich hatten sie beide noch eine Aufgabe zu erfüllen. Als Emelia Senos Frage, ob sie schon wüsste, wo sie hier übernachtete, verneinte, lud er sie ein, in der ‚Theke des Mets' einzukehren, wo er auch verweilen wollte. Dankbar nahm Emelia diesen Vorschlag an und ließ sich von dem Jäger noch den Weg dorthin beschreiben, bevor sich ihre Wege trennten.
Die junge Pyromantin ging die Hauptstasse entlang. In einer Seitenstrasse sollte sie den Turm des Pyromanten Marus finden. Zu ihm sollte sie das Dokument bringen. Der Turm war nicht schwer zu finden. Bereits von der Hauptstrasse aus konnte sie die feuerrote Turmspitze sehen. Zügig ging sie dorthin. Unbewusst überprüfte sie nochmals ihre Tasche, das Dokument war noch dort. Um den Turm herum war ein kleiner freier Platz. Eine Einlassformel murmelnd betrat sie den kleinen Turm. Auf diese Weise stellten die Feuermagier sicher, dass nur Pyromanten ihre Häuser betreten konnten. So schützten sie auch unwissende Bürger und Kinder vor eventuellen Explosionen und Feuerbällen. Jede Behausung eines Pyromanten war aus festem dicken Stein gebaut, so auch dieser Turm. Ein Junge begrüßte sie in der unteren Etage des Turms. Das musste der Schüler von Marus sein, dachte Emelia. Der junge Pyromant stellte sich eifrig als Odric vor. "Mein Name ist Emelia Falkenheim, ich komme mit einer Botschaft meines Mentors Corvin aus Ergotar. Geh zu Deinem Mentor und melde mich an.", antwortete Emelia formell. Eifrig rannte der Junge die Treppe hinauf. Es war angenehm warm im Turm. Geduldig wartete Emelia. Kurze Zeit später kam Marus die Treppe hinunter: "Willkommen in meinem bescheidenen Heim in Ametar.", begrüßte der ältere Pyromant die Botin herzlich. "Wie geht es Ludmilla, ich habe lange nichts mehr von ihr gehört.", fuhr er mit einem Lächeln fort. "Meiner Mutter geht es sehr gut, sie lässt Euch herzlich grüßen.", antwortete Emelia. Er bot ihr eine heiße Milch und ein Abendessen an, was sie dankend annahm. "Komm, lass uns hoch gehen, Odric wird uns die Milch und das Essen bringen.", sagte Marus und schritt die Treppe hoch. Emelia folgte ihm hinauf. Sie betraten Marus Arbeitszimmer. Eine angenehme Hitze schlug ihr hier entgegen. Hier war es wie daheim im Orden. Nur der große Kamin erstaunte sie etwas. Ihren Blick bemerkend erläuterte Marus ihr, dass er den Kamin installiert habe, damit sich die Bürger in der Stadt nicht so über die Hitze im Turm wunderten. Verstehend grinste Emelia. Das Arbeitszimmer war gemütlich eingerichtet. Einige Russspuren an den Wänden zeugten von diversen Experimenten. Schon kam Odric herein mit einem Tablett, worauf sich zwei Gläsern Milch und zwei Teller mit Brot und rohem Fleisch befanden. Marus erhitzte die Milch beider Gläser mit einem Fingerschnippen, das Fleisch briet er ebenfalls rasch mit Magie. Es war beeindruckend die Fähigkeiten des Magiers im Einsatz zu sehen. Während des Essens berichtete Emelia Neuigkeiten aus Ergotar und dem Orden. Marus erzählte im Gegenzug dafür Allgemeines vom Leben in Ametar. Sie plauderten noch eine Weile, dann lenkte Emelia das Gespräch auf das Dokument, welches sie übergeben sollte. Sie gab Marus das Dokument. Gespannt sah sie zu, wie er es las. Seine Mine wurde ernst. Zu Emelias Enttäuschung wollte Marus nicht über den Inhalt des Dokuments reden. Im Folgenden war er auch sehr kurz angebunden und nachdenklich. Da er ihre Hilfe anscheinend nicht wollte, verabschiedete sich Emelia. Odric begleitete sie nach unten. Dort sprach sie noch kurz mit dem Jungen. Begeistert fragte er, wie es sei, wandern zu dürfen, und sie erzählte ihm ein wenig von den besseren Erlebnissen, die sie gemacht hatte, und wie viel man auf den Wegen noch lernen könnte. Gebannt hörte er ihr zu. In ihrem Gespräch erfuhr Emelia von Odric, dass Marus in letzter Zeit viel Zeit in seinem Arbeitszimmer verbracht hätte und Odric häufig im Trainingsraum im Keller des Turmes viel Zeit mit eigenen Übungen verbrachte. Schließlich verabschiedete sich Emelia auch von Marus Schüler und ging wieder in Richtung Hauptstrasse. In Gedanken war sie noch bei ihrem Gespräch mit dem Magier. Was hatte wohl in dem Dokument gestanden? Und woran hatte er in den letzten Tagen so verbissen gearbeitet? Wieder an der Hauptstrasse angekommen fand sie dort nach kurzem Suchen die von Seno beschriebene Herberge. Immer noch nachdenklich betrat sie die ‚Theke des Mets'. Sie grüßte Seno, der dort im Schankraum saß und ließ sich vom Wirt ein Bett in Senos Zimmer geben. Nachdem sie ihr Gepäck im Zimmer abgeladen hatte, setzte sie sich im Schankraum zu Seno und bestellte eine heiße Milch. Recht schnell kam ihr Gespräch auf Magie und die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Magiearten. Seno fragte detailliert nach und Emelia gab ihm genaue Antworten. Die Pyromantin freute sich, dass sich Seno für Magie interessierte und sie gab ihm bereitwillig Auskunft. Als Seno fragte, was für eine Magie dafür sorgen könnte, dass ein Buch glüht, wurde Emelia hellhörig. Ihre Neugier war damit geweckt worden: "Glüht? Wie? Beschreib es mal." "Na, das Buch glühte grün, während der Magier seine Hand drauf hielt. Unterschiedlich stark, als ob er es steuerte.", erklärte Seno. Emelia hakte nach, von welchem Buch Seno da redete, und ob es das Buch wäre, welches er überbringen sollte, was Seno bejahte. Sie zählte daraufhin verschiedene Möglichkeiten auf, wie ein Buch zum Glühen gebracht werden könnte. Sie hätte das Buch ja zu gerne gelesen, doch dazu war es nun wohl zu spät. Emelia bedauerte nun, dass sie das Buch nicht angesehen hatte und erinnerte sich daran, dass Herr Regar erwähnt hatte, dass das Buch in einer fremden, nicht geläufigen Sprache geschrieben worden sei. Seno hatte das Buch für nicht so wichtig gehalten und es nicht näher angeschaut. Auf Nachfrage von Emelia, ob er es nicht gelesen hätte, gestand er, nicht lesen zu können. Emelia entschuldigte sich daraufhin bei ihm. Aber da er in keinem Orden ausgebildet worden war, hätte sie gleich darauf kommen können, dass er auch kaum die Möglichkeit gehabt hatte, lesen zu lernen. Spät am Abend begaben sie sich zu Bett. Emelia grübelte noch etwas über die Ereignisse des Tages nach, bevor sie endlich einschlief.
Der nächste Morgen sollte den Abschied von Seno für die Magierin bereithalten. Doch noch konnte niemand ahnen, in welche Richtung die kommenden Ereignisse sie führen würden. So saßen sie plaudernd beim Frühstück. Sie verabschiedeten sich und Emelia bedankte sich aufrichtig für Senos Begleitung. Sie hatte viel auf dieser Reise gelernt und bedauerte, dass sie bald wieder im Orden sein würde. "Nun, wenn der Zufall es will, werden wir uns wieder sehen.", sagte Seno. Dem konnte Emelia nur nickend zustimmen. Das Frühstück hier war reichlich und gut. Seno und Emelia hatten ihr Mahl gerade beendet, als die Tür des Schankraumes krachend aufflog. Die Blicke aller Anwesenden flogen zur Tür. Erstaunt sah Emelia Odric völlig außer Atem hereinstolpern. Hier stimmte etwas nicht, sagte ihr ihr Gefühl. Hektisch blickte der Junge sich um. Als sich ihre Blicke trafen, bemerkte sie Panik und Angst im Blick des gestern noch so ruhigen Jungen. Sie sprang vom Stuhl auf. Er rannte nun auf sie zu, stolperte, fiel, stand auf und rannte weiter. Beunruhigt dachte Emelia, was könnte diesen Jungen so in Angst und Schrecken versetzt haben? Da musste etwas Schlimmes passiert sein. Und wo war Marus? Warum schickte er seinen Schüler? Warum kam er nicht selbst? Oder war er beschäftigt, oder gar in Schwierigkeiten? Ihr Herzschlag raste, ihr Atem beschleunigte sich. Sie wurde blass und traute sich kaum die Gedanken weiterzuführen. Keuchend brachte Odric nur einen Satz raus: "Marus ist tot."